Enthusiasmuskolumne  

Bei Nacht sind alle Kerzen blau

Diesmal: Der beste Schund der Welt der Woche

Feuilleton | Michael Omasta | aus FALTER 44/11 vom 02.11.2011

Man müsse kein Eierkopf sein, lautete 1964 die Werbelinie für Roger Cormans neuen Gruselfilm, gewisse psychologische Kenntnisse allerdings wären für sein Verständnis hilfreich.

"The Tomb of Ligeia“ heißt der Film, von dem hier die Rede ist und der vergangene Woche bei der Viennale lief. Sozusagen in Ergänzung von "Corman’s World“, einer Doku von Alex Stapleton über den "Hollywood-Rebellen“ Roger Corman, der seinerseits in den 60er- und 70er-Jahren als Produzent von B-Pictures einer neuen Generation von US-amerikanischen Schauspielern und Regisseuren zum Durchbruch verholfen hat. Oft sieht der Schund von gestern besser als die Kunst von heute aus, und gegen diesen sehr frei nach Edgar Allan Poes Novelle "Ligeia“ gestalteten, schaurigen Liebesfilm in Cinemascope kommt sowieso keine aktuelle Filmproduktion an.

Verden Fell, gespielt von Vincent Price, dem Aristokraten unter den Bösewichten des Kinos, leidet an der morbiden Liebe zu seiner Frau, besagter Ligeia, die ihn über ihren Tod hinaus gefangen hält und sich schließlich gar der Identität ihrer Rivalin Rowena zu bemächtigen scheint.

Price alias Fell scheut das Licht des Tages. Er wohnt in den Ruinen einer Abtei aus dem 16. Jahrhundert und schaut mit seiner klobigen Sonnenbrille aus wie ein Beatnik. So affektiert er dabei wirkt, so völlig entrückt ist er bereits der Welt und sämtlichen Freuden eines irdischen Daseins.

Trivial und hintergründig, beides zugleich, ist diese Ode an die Nekrophilie, in der alle Kerzen türkisblau und Frauen prinzipiell im Negligee unterwegs sind. Es ist, als ob Corman sich nicht länger unter Kontrolle hätte, vermutete ein Kritiker in Newsweek seinerzeit, "sondern von seinem Material manipuliert und von dem Horror, den er sich zur Aufgabe gemacht hat, in eine Art poetischen Wahnsinns getrieben wird“.

Rowena! Ligeia! Echt kranker Scheiß. Und eine böse schwarze Katze kommt auch noch vor.


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