Ohren auf  

Alles Gute zum 70er, Peter Brötzmann!

Sammelkritik: Altes und Neues vom deutschen Free-Jazz-Urgestein Peter Brötzmann

Feuilleton | Andreas Felber | aus FALTER 44/11 vom 02.11.2011

Anlässlich seines 70. Geburtstags findet sich Peter Brötzmann in der ungewohnten Rolle des mit Ehrungen überhäuften Jubilars wieder. Auch in Österreich trägt man dazu bei: Beim längst ausverkauften Unlimited-Festival in Wels (3. bis 6.11.) schwingt das Wuppertaler Free-Jazz-Urgestein das Kuratoren-Zepter. Unter anderem spielt er da mit zwei Bands auf, die beim Wiener Label Trost Records neue Alben vorlegen.

Zum einen die All-Star-Saxofon-Trias Sonore: Auf "OTO“ hält die Muse den Herren Brötzmann, Ken Vandermark und Mats Gustafsson nicht immer ihren Kussmund hin, Phasen des Suchens alternieren mit solchen des Findens. Letztere stellen sich etwa dann ein, wenn Brötzmann am Tárogató zu seelenvollen Psalmodien anhebt. Gleichsam als Antithese zur freien Sonore-Musik lässt sich "Sketches and Ballads“ des um drei "Friends“ erweiterten Trios Full Blast um Michael Wertmüller lesen. Für die Donaueschinger Musiktage 2010 schuf der ehemalige Alboth!-Mastermind eine detailreich durchkomponierte Partitur für das Ensemble und den Solisten Brötzmann, ohne Letzteren in eine Zwangsjacke zu stecken. Im Gegenteil: Im Zuge der kurzweilig geschnittenen akustischen Bildsequenzen zwischen komplexer Struktur und freier Kontrapunktik, zwischen Groove und Powerplay, Tutti und Solo, kann Brötzmann sich von verschiedensten, auch sensibleren Seiten zeigen.

Trost-Chef Konstantin Drobil lebt seine Brötzmannphilie auch durch die Veröffentlichung dreier Vinyl-only-Reissues auf dem Sublabel Cien Fuegos aus: "Balls“ (1970) und "Tschüs“ (1975) markieren Debüt und Abschied des legendären Trios von Brötzmann, Pianist Fred van Hove und Schlagzeugaktionist Han Bennink, das der abstrakten Schwere des deutschen Free Jazz der 60er spritzige Transparenz und gewitzten Multiinstrumentalismus entgegensetzte. Diese Tendenzen verstärkten sich danach im Duo Brötzmann/Bennink, wie das u.a. in anarchischen Bassklarinetten-Duetten gipfelnde Album "Ein halber Hund kann nicht pinkeln“ (1977) demonstriert.


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