Selbstversuch

Die lustigen Zeiten sind vorbei

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 44/11 vom 02.11.2011

Es ist Winter. Ich sitze auf dem kleinen Absatz vor der Balkontür, wo man mich von innen nicht sehen kann, und rauche. Es ist dunkel. Flugzeuge dekorieren den Abendhimmel, ein Hund bellt, im Käfig knallt der Ball. Gegenüber gehen Lichter an und aus, Vorhänge werden zugezogen. Es ist Winter, ich muss rauchen. Der Lange versteht es nicht: Warum rauchst du nicht im Sommer, wenn es draußen warm ist und der Abend mild? Interessiert mich nicht, ich weiß auch nicht warum. Beim Rauchen soll man in eiskalter Luft sitzen, in einen warmen Mantel gehüllt, man soll die Arme und die Knie geschlungen haben, der Nebel des Atems soll sich mit dem Rauch vermischen. So rauche ich. Andere rauchen meinetwegen anders.

Es ist Winter. Die Kinder basteln in ihrem Zimmer komplizierte Kinderkunst, die Erwachsene nicht verstehen und hören Bibi Blocksberg. Wir hören Reggae, das Licht ist warm, der Lange rührt in einem Kürbisrisotto und schiebt die Lasagne von gestern in den Ofen. Die Kinder lehnen Risotto ab, aus Überzeugung, sie können es nicht argumentieren, aber es ist ein unerschütterliches Prinzip ihres Lebens. Kein Risotto. Ich liege auf der Küchenbank mit dem neuen Edward St. Aubyn vor der Nase, "Zu guter letzt“, in dem Patrick Melrose seine Altruisten-Mutter beerdigt. Also: verbrennt, und sich dabei noch einmal an seine grausame Kindheit erinnert und was sie aus ihm machte. Leider muss ich meine Kinder nach dem Essen zum Lernen zwingen. Das geht jetzt los. Die lustigen, wurschtigen Zeiten sind vorbei, jetzt Schularbeiten. Die Mimis sind als Kinder zweier lebensfroher und weitgehend zufriedener Studienabbrecher ja sehr gehandicapt, weil "Hauptsache, du bist ein glückliches Kind und wirst ein glücklicher Erwachsener“ nicht die ideale Motivation fürs Mathelernen ist. Man würde das gern locker sehen und den Schwerpunkt auf Lebenstüchtigkeit und soziale Kompetenz legen, aber ...

Einer meiner Freundinnen wurden eine hochbegabte Zwölf- und eine sehr denkfaule 13-Jährige zugeteilt, und sie fand auch immer, dass das Kind Hauptsache glücklich und mit sich selbst im Reinen sein und werden sollte, alles andere ergäbe sich dann sicher von selbst. Nicht überfordern das Kind, es nach seinen individuellen Veranlagungen fördern, es so akzeptieren, wie es ist. Fand das Kind gut. Die Mutter forschte dann einmal genauer bei ihrer Tochter nach, ob sie denn nun wisse, was genau sie sich für ein Zukunftsglück imaginiere und wie sie sich das Leben vorstelle, und wurde mit detaillierten Plänen konfrontiert: Sie beabsichtige, erklärte die Tochter, mit 18 schwanger zu werden und danach ein Nagelstudio zu eröffnen. Oder umgekehrt, je nachdem. Die Freundin hat nun eine kleine Tigermutterschulung absolviert und drillt das Kind Richtung Matura, glückliche Kindheit und genetische Geworfenheit hin oder her.

Das blüht den Mimis jetzt auch. Ich muss vorher nur noch kurz auf den Balkon.


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