Kritik

Blut aus den Wunden der Linien

Lexikon | aus FALTER 45/11 vom 09.11.2011

Wer den ersten Saal zur Ausstellung "Hermann Nitsch. Strukturen“ betritt, kann kaum ahnen, dass es darin um das grafische Werk des Künstlers gehen soll, hängen an den hohen Museumswänden doch monumentale Öl- und Blutmalereien, etwa ein sechs mal neun Meter großes Bodenschüttbild. Auch der benachbarte "Asolo Raum“ bietet keinerlei Grafik. Nitsch konzipierte die Installation 1973 als "Überblick“ über sein Orgien-Mysterien-Theater. Der Raum wurde vor allem deswegen rekonstruiert, weil die Sammlung Leopold ein zentrales Schüttbild daraus besitzt. In medias res führen Nitschs "Architekturzeichnungen“, in denen er utopische Aufführungsorte für seine Aktionen erdachte. Die den gesamten Bildraum ausfüllenden Zeichnungen stellen utopische Pläne für Gebäude dar, die das menschliche Körperinnere als Vorbild für bauliche Formen nehmen. In Nieren-, Leber- oder Darmformen präsentiert sich auf den Lithografien etwa eine "Unterirdische Stadt“, mit darübergelegten Rastern eine "Unterirdische Theateranlage“. Nitschs Linienkunst kann auch raffiniert optische Effekte erzeugen, beeindruckend im flirrenden Großformat "Letztes Abendmahl“. Die Partituren zeigen den Künstler als Komponisten, der für die akustische Begleitung seines Gesamtkunstwerks sogar ein eigenes Notationssystem entwickelt hat. Einer klanglichen Bewegung im Kolorit gehen wiederum seine prächtigen Farbskalen nach.

Die Ausstellung macht deutlich, wie viel Konzept in den oft nur als Blut- und-Beuschel-Exzesse betrachteten Aktionen steckt. Nitschs Beziehung zu Kirche und Religion zieht sich durch: Bereits als Diplomarbeit entwarf er einen Bibeleinband, und das Zentrum seiner "Architekturen“ bildet stets ein kreuzförmiges Gebäude. Soll der Orgien-Mysterien-Kult den christlichen ablösen oder ihm in einem tieferen Sinn huldigen? NS

Leopold-Museum, bis 30.1.


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