Neu im Kino

Viel Lärm um nichts: "Anonymous“

Lexikon | Barbara Schweizerhof | aus FALTER 45/11 vom 09.11.2011

Ob William Shakespeare seine genialen Theaterstücke geschrieben hat oder ob es ein anderer war, der sich nur so nannte - das spielt für die meisten keine Rolle. Nun aber bringt mit "Anonymous“ ausgerechnet Roland Emmerich dem Mainstream eine Debatte nahe, die unter einigen Shakespeare-Liebhabern mit sektiererischem Eifer geführt wird. Die Sektierer nennt man "Oxfordianer“, weil sie der Meinung sind, dass eben nicht der Schauspieler aus Stratford-upon-Avon, sondern der 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, der Autor von Bühnenhits wie "Romeo und Julia“ war.

Zu deren prominenten Vertretern zählt auch der Schauspieler Derek Jacobi, den man zu Beginn von "Anonymous“ salbungsvoll einem ehrfürchtig lauschenden Publikum die Standardargumente der "Oxford-Theorie“ vortragen sieht. Während er noch spricht, verzieht sich die Kamera in die Kulissen, nimmt dort ein paar kostümierte Wachen ins Auge, die soeben ihre Theaterfackeln entzünden - aber statt auf die Bühne laufen sie plötzlich in einen Film, hinein in die kopfsteingepflasterten Gassen des elisabethanischen London, wo gerade ein gewisser Ben Jonson (Sebastian Armesto) wegen seiner Schriften in Konflikt mit der Krone gerät. Nur dass es sich bei diesen Schriften eben nicht um die seinen handelt, sondern ... Aber da wird es kompliziert.

Man muss Emmerich und vor allem seinem Drehbuchautor John Orloff zugestehen, dass sie es sich und ihrem Publikum nicht allzu leicht machen. Der "wahre“ Autor der Shakespeare-Stücke ist hier nicht einfach ein anderer, der eben auch schreiben konnte, er ist ein Mann mit kompliziertem Schicksal und entsprechender Pathos-Pose, von einem mit seiner Ernsthaftigkeit überraschenden Rhys Ifans fast anrührend verkörpert. Man versteht am Ende, was die Oxfordianer eigentlich antreibt: Sie sehen Shakespeare als den narzisstischen, verkannten Popstar seiner Zeit.

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis und Haydn)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige