Neu im Kino

Wahnsinn mit Methode: "I’m Still Here“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 45/11 vom 09.11.2011

Die Stars müssen verrückt sein. Vielleicht ist ihnen auch nur fad. Während James Franco in den letzten Jahren einen Ruf als Spezialist für alles und nichts kultiviert hat, gab Joaquin Phoenix 2008 gleich das Ende seiner Schauspielkarriere bekannt. Die Rapper-Ambitionen des zunehmend zottelbärtigen Ex-Darstellers standen von Anfang an unter Verdacht, ein elaborierter Pflanz zu sein. Dass Phoenix von seinem Schwager Casey Affleck mit der Kamera begleitet wurde, nährte die Spekulationen noch.

Seit der Premiere von Afflecks "I’m Still Here“ im Herbst 2010 ist klar: Phoenix’ gescheiterter Neuanfang war eine Show, von der dieser Film die definitive Version anbietet - in flachen Videobildern, deren Textur kaum zu unterscheiden ist von den Amateuraufnahmen verheerender Konzertauftritte, die auf Youtube zirkulierten. Phoenix’ physische und psychische Verwahrlosung, die Gegenstand massenmedialer Häme war, kommt jetzt retrospektiv als virtuoses Method-Acting zu ihrem Recht. Gaststars Ben Stiller, Edward James Olmos und P. Diddy machen sich ebenfalls mit Imagegewinn zum Affen. Medienkritik an der Ausbeutung lädierter Promis formuliert diese Mockumentary über ein arrogantes Seelchen keine, sondern gewieftes Geblödel mit den bestehenden Kanälen.

Das ist für Momente sehr lustig, manchmal fad und insgesamt konsequent trostlos: Empathie mit dem Star wird nur im Modus des Fremdschämens gewährt, sogar das krude homosoziale Blödeln Joaquins mit seiner Entourage kippt irgendwann in Richtung Melodrama. Die seltsam rührende Schlusssequenz, die mit der Regeneration plötzlich ernst macht, ereilt nicht nur den kaputten Star wie ein Geschenk.

Ab Fr im Schikaneder (OmU)


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