Am Apparat  

Frau Hoffmann, wie bringt man hunderte Ziesel zum Umzug?

Telefonkolumne

Politik | aus FALTER 45/11 vom 09.11.2011

In Stammersdorf sollen tausend Genossenschaftswohnungen gebaut werden. Aber gerade dort leben ein paar hundert Ziesel. Nun wird überlegt, die Tiere sanft umzuleiten. Wie man hunderte Nager umsiedelt und warum das so wichtig ist, erklärt Zieselexpertin Ilse Hoffmann von der Uni Wien. Sie hat für die Stadt Wien eine Studie zu dem Thema erstellt.

Wie motiviert man Ziesel zum Umzug? Streut man ein paar Körndln aus?

Das mit den Körndln ist eine gute Idee, vielleicht könnte man das auch noch machen. Beim sanften Umleiten geht es darum, benachbarte Flächen attraktiv zu machen. An das Grundstück, wo die Ziesel und Hamster leben, grenzen verwucherte Flächen an. Die will man zieselfreundlich gestalten.

Was ist denn ein attraktives Zuhause?

Die Ziesel kommen ursprünglich aus den Steppengebieten Osteuropas und verbringen einen Großteil ihres Lebens im Erdbau. Attraktiv ist eine offene Landschaft, eventuell mit lockerem Baum- und Buschbestand. Also eigentlich das, was man sich unter einer schönen Wiese vorstellt.

Ist das wirklich so wichtig, den Lebensraum der Ziesel zu schützen?

Die Ziesel sind eine bedrohte Tierart, sowohl in der EU als auch in Österreich sind sie streng geschützt. Vielerorts ist es verboten, ein Zieselhabitat ohne Ersatz zu vernichten.

Warum baut man dann ausgerechnet dort Wohnungen, wo die Tiere leben?

Das würde ich auch gerne wissen.

Ist die Baustelle wirklich so schlimm?

Bei einer Baustelle wird das Fundament ausgehoben. Alles, was vorher im Boden gelebt hat, ist nachher nicht mehr da. Die Ziesel sind anpassungsfähig, aber Bagger sind eine extreme Bedrohung. Als im Boden lebende Tiere flüchten sie instinktiv in den Bau.

Ihr großer Fehler ist also, dass die Tiere vor dem Bagger in die Erde flüchten?

Ja. Überlegen Sie: Bagger gibt es vielleicht seit 150 Jahren, die Ziesel gibt es seit Jahrzehntausenden. Woher sollen die Tiere die Zeit genommen haben, sich einem Bagger anzupassen?

Interview: Ingrid Brodnig


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