Enthusiasmuskolumne  

Virtuos reflektieren und meditieren

Diesmal: Der beste Pianist bei Wien Modern der Welt der Woche

Feuilleton | Heinz Rögl | aus FALTER 45/11 vom 09.11.2011

Er hat schon Tag-und-Nacht-Marathons veranstaltet, spielte kürzlich in Graz sogar einmal nackt. Seine "Notturni“, die um zehn Uhr abends - jeweils nach einem anderen Wien-Modern-Konzert - beginnen, werden daher bis in die Früh dauern, dachte man. Doch weit gefehlt.

Pünktlich um fünf nach zehn betritt Marino Formenti, lange Pianist des Klangforums und nunmehr (auch als Dirigent) selbstständig, das Podium, setzt sich vor den Steinway, überprüft die aufgelegten Noten, neben ihm eine Umblätterin, richtet die Höhe des Hockers im Sitzen noch einmal ein, konzentriert sich. Und spielt zunächst ein Werk von einem Komponisten, das sehr schwer (Harrison Birtwistle) oder relativ schwer (George Benjamin) ist. Souverän, genau und virtuos.

Alle im Mozartsaal hören so gebannt zu, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. In der ersten Reihe am Rand sitzend, kann man ihn atmen, sogar vor Engagement und Anstrengung schnauben hören, wenn er mit überkreuzten Händen Kompliziertestes in die Tasten schlagen muss. Nach dem letzten Akkord verharrt er regungslos und hebt so ruhig die Hände, dass kein Applaus die Ruhe und Aufmerksamkeit bei ihm und im Saal stört.

Formenti richtet die darunterliegenden Noten zurecht, nun geht es darum, "Für Marino (gestörte Meditation)“ von (und vor) Friedrich Cerha zu spielen, Fixpunkt der Notturni-Konzerte. Ein Stück, das mit einigen Tönen eine Wach-Traumwelt aufspannt, die zu den schönsten Erlebnissen jedes Menschen, besonders eines Kreativen zählt, der die Konzentration mit sich allein sucht.

Eine leise Meditation, die ein paar Mal (durch Geräusche, lautes Reden, erzwungene Ortsveränderungen) gestört wird, bis sie wieder auf das Nachlauschen einer Tonfolge zurückkommen kann. Die letzten verklingen im dreifachen Pianissimo. Jemand gratulierte Cerha nach der Aufführung verlegen: "Das ist wie Morton Feldman, nur kürzer und schöner.“ Cerha: "Ist es zu kurz?“


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