Selbstversuch

Solche Abende hat man ja nicht so oft

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 45/11 vom 09.11.2011

Es ist gut, wenn man einen toleranten Babysitter hat, der nichts dabei findet, wenn man statt um eins um drei heimkommt. Das geschah letztes Mal nach der Premiere von "Triest“ im Stadtsaal, weil der Abend so schön, die Menschen so freundlich und die Gespräche so spannend waren, dass man das einfach nicht unterbrechen wollte, weil: Wie oft hat man das schon. (Famoses Stück übrigens, aber Sie waren ja eh schon dort.) Der Babysitter schlief bereits am Sofa vorm Fernseher und murmelte: schon gut, kein Problem, während wir motorisch nicht mehr ganz einwandfrei das Gerstl und das Extragerstl aus dem Börsl klaubten. Solche Abende hat man nicht so oft, und wir haben einen klugen Babysitter, der das weiß. Deswegen geht man ja auch kaum mehr aus, weil man im Leben eh schon genug Smalltalk gemacht und gelernt hat, dass es eher selten vorkommt, dass sich daraus echte Gespräche entwickeln, aus denen man etwas mitnimmt und lernt und fürs eigene Leben begreift.

Und es passiert auch nicht so oft, dass man auf Leute trifft, deren Verrücktheit oder Unpässlichkeit oder Getriebenheit mit der eigenen korreliert. Meistens muss man so tun, als sei man normal, und diese Selbstverleugnung wird schon nach einer Viertelstunde so anstrengend, dass selbst ein Bodensee-Tatort daheim im Bett wie unglaubliche Verlockung erscheint. Die anderen können gar nichts dafür, die sind eh nett, es ist die eigene, über die Jahre zementierte Merkwürdigkeit und der immer unkontrollierter wuchernde Unwille, neue Menschen und neue Lebensgeschichten in die eigene Welt zu lassen. Man kennt doch schon so viele. Und erinnert sich eh schon nicht mehr an alle, was einen ständig in peinsame Situationen bringt. Man will eigentlich gar niemanden mehr kennenlernen und wehrt von vornherein alles höflich ab oder versteckt sich gleich daheim im Laptop oder in einem Buch. Zuletzt in "Winter in Maine“ von Gerard Donovan, was ich erst gar nicht lesen wollte, weil was interessiert mich die Beziehung eines Waldschrats zu seinem Hund. Jetzt war das das beste, gescheiteste, spannendste und warmherzigste Buch, das ich seit langem gelesen habe.

Mit Menschen ist es wahrscheinlich auch nicht anders, aber Bücher kann man halt einfach zuklappen und weglegen, falls sie einen doch nicht interessieren. Aber manchmal trifft man auch bei Menschen auf welche, da rastet etwas ein, wenn man überhaupt nicht damit gerechnet hat. Selten. Es ist das Älterwerden, es macht einen seltsam und eigenbrötlerisch. Immerhin macht es einen in Situationen, die nichts anderes erfordern, auch milde, selbst den Langen, der diesen ganzen Abend durchlächelte. Der Lange ist schon berufskrankheitshalber an und für sich kein Lächler, aber es scheint ihm jetzt, wenn die Situation keine entschiedene Erbarmungslosigkeit erfordert, zu gefallen. Das irritiert mich immer noch, aber es soll mir recht sein.


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