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Kein richtiges Leben im falschen: "Blue Valentine“

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 46/11 vom 16.11.2011

Immer hat man das Gefühl, dass im nächsten Moment etwas Schreckliches passieren könnte. Und obwohl eigentlich nie etwas besonders Schreckliches passiert, ist alles, was das Ehepaar Cindy und Dean erlebt, fürchterlich. Zunächst sind es scheinbare Kleinigkeiten, die ahnen lassen, dass es in dieser Beziehung nicht zum Besten steht. Der Vorwurf, den Cindy zu hören bekommt, weil sie schon wieder vergessen hat, das Gatter zu schließen, und nun der Hund verschwunden ist; die Reaktion Cindys auf das Herumalbern von Dean und der kleinen Frankie am Frühstückstisch; Blicke, Gesten, absichtlich falsch verstandene Worte. "Sag nicht immer, was du denkst, sondern denke nach, bevor du etwas sagst“, meint Cindy im Hotelzimmer, das sich die beiden nehmen, um ihre Beziehung zu retten, und das "Future Room“ heißt, obwohl hier nichts mehr eine Zukunft zu haben scheint.

"Blue Valentine“, ein typischer Sundance-Film, bezieht seine Stärke in erster Linie aus dem Spiel seiner beiden Hauptdarsteller und Koproduzenten Michelle Williams und Ryan Gosling, die sich für dermaßen dankbare Rollen mit erheblichem Einsatz erkenntlich zeigen. Die Schwäche des Films liegt vor allem in der auf Rückblenden basierenden Dramaturgie, anhand derer man Cindy und Dean als Frischverliebte (Stepptanz und Ukulele!) beobachten kann, als sie noch nicht dort angekommen sind, was andere das richtige Leben nennen. Dass Regisseur Derek Cianfrance diesen Kontrast durch ein anderes Aufnahmeformat und eine unterschiedliche Ästhetik zusätzlich verstärkt, ist jedoch grundlegend falsch, denn worum es eigentlich geht, ist eben das unmerkliche Verstreichen der Zeit: Obwohl Cindy und Dean nichts falsch gemacht haben, haben sie in den vergangenen vier Jahren kaum etwas richtig gemacht.

Derzeit in den Kinos (OF im Artis, OmU im Filmcasino)


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