Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 46/11 vom 16.11.2011

Der Hemdknopf

Wien hatte gewählt, Zilk war die Absolute los, Haider hatte zugelegt, die ÖVP hatte sich dezimiert (schwacher Spitzenkandidat, wie üblich), und die Grünen waren drin. Der bemerkenswerteste Satz der Wahlberichterstattung? Als Stefan Schennach (damals grüner Pressesprecher) den Einmarsch der Grünen auf der Rathaustreppe für den ORF choreografierte, sagte er (Berichterstatter war Bernhard Odehnal): "Jeder, der sich gewählt vorkommt, soll mitgehen“. - Oder nehmen wir doch den Satz von Birgit Kellner, die von der FPÖ berichtete? Über den Vorfall, als sich der blaue Abgeordnete Holger Bauer vor Begeisterung einen Hemdknopf abriss und ihn sich im Nebenzimmer annähen ließ, schrieb sie: "Ob er das Hemd zu diesem Zwecke auszog, entzieht sich unserer Kenntnis - man weiß, wo man nicht hinschaut“.

Das Feuilleton prunkte mit einigen bemerkenswerten Texten. Zum einen mit einem Originalbeitrag von Vilém Flusser, "Die Stützen der Gesellschaft“, in dem der brasilianische Philosoph aus Prag das Bürgertum lobte - "wohl wissend, welche unverzeihlichen Verbrechen von westeuropäischen Bürgern begangen wurden“.

Und dann ein Interview mit dem vor kurzem verstorbenen Germanisten und Medienphilosophen Friedrich Kittler. Was er sich selbst fragen würde, fragten ihn die Interviewer Thomas Hübel und Michael Wiesmüller. Kittler antwortete: "Die Frage, die ich mir stelle, ist, warum ich gefragt werde. Manchmal möchte man wieder weg sein aus dem Medienrummel. Ich habe den Wunsch, wieder unbekannt und fleißig zu sein, und ich befürchte, dass ich dieses Glück nie wieder bekomme. Jetzt bin ich bekannt und faul. Was die Freiheit betrifft, so grassierte zu der Zeit, als wir anfingen zu denken und zu publizieren, ja dieser Wahn der Freiheit.(…) Die armen Studenten mussten (gewesene Freiheiten, Anm.) immer rekonstruieren (…) Der schöne Satz von Jim Morrison ‚We want the world and we want it now‘ ist ihnen systematisch weggezaubert worden.“ aT


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