Ohren auf

Vier auf einen Streich

Sammelkritik: die hohe Kunst des Streichquartetts

Feuilleton | Miriam Damev | aus FALTER 46/11 vom 16.11.2011

Goethe bezeichnete es einmal als Gespräch von vier gebildeten Menschen - das Streichquartett. Es ist das anspruchsvollste aller kammermusikalischen Genres und gleichzeitig die intimste und direkteste Art zu spielen. Eine Ménage à quatre, wo jede der vier Stimmen hörbar ist und zugleich in den anderen aufzugehen vermag.

Das Minguet Quartett hat nun eine ausgezeichnete Einspielung mit Kammermusik von Mendelssohn vorgelegt. Die "Streichquartette 2 & 6“ (cpo) sind "Gedenkwerke eines Trauernden“: Das Streichquartett op. 13 entstand im Alter von 18 Jahren, nur wenige Monate nach Beethovens Tod; in tiefer Trauer um seine verstorbene Schwester schrieb Mendelssohn schließlich sein letztes Streichquartett, op. 80. Keine Spur von zurückhaltender Eleganz und formvollendetem Klassizismus, die man bei Mendelssohn sonst gerne hört. Stattdessen drängender Gestus, Aufbruch zu neuen Tonsprachen und eine expressive, ja beinahe schon expressionistische Ästhetik.

Eine spannende Hommage an Ernest Bloch ist dem Galatea Quartet mit "Ernest Bloch - Landscapes“ (Sony) gelungen. Geboten werden zehn mehr oder weniger kurze, dafür umso eindringlichere Stücke, darunter das bekannte "Prayer“ aus der Suite "From Jewish Life“, ein andächtiges "Prelude“, die nur 44 Takte dauernde Miniatur "Night“ und als Draufgabe das viersätzige Streichquartett in G-Dur von 1896 - eine Weltersteinspielung.

Nach einer intensiven Beethoven-Phase wendet sich das Tokyo String Quartet wieder Franz Schubert zu. Im Mittelpunkt von "Schubert - String Quintet D. 956 & Quartettsatz D. 703“ (Harmonia Mundi) steht sein vielleicht schönstes Kammermusikwerk, das spät entstandene C-Dur-Quintett (Schubert starb, ohne es gedruckt gesehen zu haben). Von Ambivalenz geprägt, folgen darin Licht und Schatten, stille Heiterkeit und Dramatik in ständigem Wechsel aufeinander. David Watkin fügt sich ideal in das Ensemble: Leidenschaftlich fällt er mit seiner Cellostimme ein, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen.


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