Stadtrand

Die schmutzige Schönheit der Karlsplatz-Passage

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Matthias Dusini | aus FALTER 46/11 vom 16.11.2011

A uch im Sommer wirkt sie kalt, die unterirdische Passage von der Oper bis zu den Bahnsteigen der U-Bahnen. Liegt es daran, dass immer der Wind durchpfeift? Oder das Neonlicht jene technoide Gefühllosigkeit verströmt, die der Architektur der 50er-Jahre eigen ist? Oder friert die Passanten, weil hier jene Menschen stranden, für die die Gesellschaft kein warmes Plätzchen frei hat? Derzeit ist die Karlsplatz-Passage noch um ein paar Grade frostiger. Der Pizzaimbiss ist gesperrt, sodass der beißende Geruch verschmorten Käses dem Weltinnenraum kein transzendentales Obdach mehr gibt. Die Deckenverschalung wurde abgenommen, der Blick auf das verdreckte Gerüste ist frei. Übrig geblieben sind die quadratischen Neonlichtdeckel, die zusammen ein unregelmäßiges Muster ergeben. Bevor hier irgendwelche Shoppingexperten anrücken und diese grindige Blade-Runner-Pracht zu einer polierten Einkaufszone mit Duftbestäuber herabstufen, sollte man diesen Blick in die Zukunft auf sich wirken lassen. Aha, so fühlt sie sich also an, die Krise.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige