Selbstversuch

Es ist ein ungerades Jahr, deshalb

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 46/11 vom 16.11.2011

Ich las bei der Buch Wien und wurde gefragt, wie man denn ein Kind zum Lesen bringe. Ja, das würde ich auch gerne wissen. Was nichts nützt: Kinder in einem extrem leseaffinen Haushalt aufwachsen zu lassen, in dem mindestens der Vater praktisch ohne Unterlass die Nase in einem Buch kleben hat. Empirische Studien an einer zweiköpfigen gleichaltrigen Testgruppe, die bei denselben Eltern unter denselben Bedingungen aufwachsen, haben in mir die Überzeugung wachsen lassen, dass die Lust am Lesen irgendwie genetisch disponiert ist: Eins der Mimis liest gern, eins der Mimis liest nicht. Höchstens in Zeiten überbordender Langeweile (ein Grund, warum wir das Langweilen entschieden fördern), wenn das Fernsehansinnen, wie so oft, abschlägig beschieden wurde, wenn alles, was zu basteln ist, weggebastelt ist und wenn die Erziehungsberechtigten lieber lesen wollen, als das Kind zu unterhalten, legt es sich dazwischen und nimmt widerwillig eins seiner wissenschaftlichen Kinderbücher zur Hand. Und liest darin kurze Texte, die es alsogleich auf Wusstest-du-dass?-Basis mit seinen Altvorderen zu besprechen trachtet, was deren eigenes Leseerlebnis umfassend minimiert. Es hat nichts geholfen, den Mimis immer wieder Teile aus Harry Potter und anderen Kinderklassikern vorzulesen, um sie so neugierig auf den Rest zu machen, dass sie das Buch schließlich selbst zur Hand nehmen:

Lieber nicht.

Warum nicht?

Meine Augen tun mir weh. Mein Kopf tut mir weh. Meine Hände tun mir weh. Auch ein Kind hat Recht auf Feierabend. Es ist Wochenende, ich lese nur unter der Woche. Es sind Ferien, ich lese nur während der Schulzeit. Es ist ein ungerades Jahr, ich lese nur in geraden. Die Sonne scheint. Es regnet. Es schneit. Es ist zu dunkel. Es ist zu hell. Ich kann mein Buch nicht finden.

Das ist umso beklagenswerter, als ein gern und viel lesendes Kind ja eine wundervolle Trophäe ist, deren Glanz hell und leuchtend auf die Eltern abstrahlt und sie ohne viel eigenes Zutun zu guten Eltern macht. Man hat ja mehrere Neunjährige im Bekanntenkreis, deren Erzeuger zu berichten wissen, dass der Nachwuchs längst alles von Joanne K. Rowling und Cornelia Funke ausgelesen habe und stets nach neuen 1000-Seitern lechze. Echt. Gratuliere. Und: Wie bekommt man das hin? Welches war der Punkt, an dem wir beim einen Zwilling etwas richtig und beim anderen etwas falsch gemacht haben? Oder gibt’s diesen Punkt einfach wirklich nicht?

Vermutlich sollte man den Kindern schon einmal keine Hörbücher schenken. Leider sieht das eine Mimi nie entspannter aus, als wenn es nach Schule und Hort Geschichten-CDs hört, während es in seiner Hängematte faulenzt. Es interessiert sich schon für Literatur, es will sie nur nicht selber erarbeiten. Bis jetzt habe ich mich geweigert, die Harry Potters auf CD zu besorgen: Ich hoffe immer noch; vermutlich vergebens.


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