Fragen Sie Frau Andrea

Die Scheibe des Präsidenten

Kolumnen | aus FALTER 46/11 vom 16.11.2011

Liebe Frau Andrea,

wenn wichtige Leute wichtige Sachen zu sagen haben, bei Konferenzen, Empfängen und derlei Anlässen, sieht man häufig eine Art schräg gestellte, leicht getönte Glasscheibe, befestigt an einem Stativ, ganz in ihrer Nähe. Ein Bekannter meint, es handle sich dabei um eine Sicherheitsvorkehrung gegen mögliche Attentate. Selbst wenn es sich um kugelsicheres Glas handelt, erscheint mir die Scheibe im ungefähren DIN-A4-Format allerdings nicht besonders sicher. Wissen Sie Bescheid?

Petra Klötzinger, Josefstadt, per Bernsteinfunkennachricht

Liebe Petra,

bei den schräggestellten Rauchglasscheiben in der Nähe redender Potentaten und potenter Redner handelt es sich, ganz wie Sie vermuten, nicht um projektilfestes Sicherheitsglas. Die rechteckigen Scheiben tauchen in der Regel im Doppelpack auf und sind, in einer leichten Schräglage auf Stativen positioniert, stets dem Redner zugewandt. Obwohl sie nicht schussfest sind und maximal rohe Eier und matschige Tomaten abwehren könnten, dienen diese Scheiben der Sicherheit der Redner. Der Textsicherheit der Redner. Die mysteriösen, randlosen Glasbretter sind moderne Teleprompter. Das technische Prinzip dieser Geräte ist so simpel wie verblüffend. Von einem Monitor oder Projektor wird Text auf eine schräggestellte Scheibe gespiegelt. Richtig justiert, können Rednerin oder Redner auf dieser Scheibe vorbereiteten und meist fortlaufenden Text ablesen. (Ähnliche Einrichtungen, vor einer Studiokamera montiert, verwenden Nachrichtensprecher, um scheinbar frei und fehlerlos in die Kamera zu sprechen). Der bekannteste Benützer freistehender Teleprompterscheiben ist der Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama. Schon im Wahlkampf wurde seine Obsession für telegepromptetes Reden bundesweit und nicht ohne hämischen Unterton diskutiert. Videos von hilflosem Obama-Gestammel während eines Teleprompterausfalls zirkulierten auf Youtube. Typisch für die moderne Teleprompterrede ist der scheinbar souveräne Rednerblick ins Publikum, mal nach links vorne, mal nach rechts vorne. Genau auf die eingespiegelten Redepassagen. In Abwandelung von POTUS (President of the United States) heißt die Lesehilfe Barack Obamas TOTUS. Teleprompter of the United States.


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