Menschen

Total zugedröhnt!

Falters Zoo | Katharina Seidler, Gerhard Stöger, Christa Thurnher | aus FALTER 46/11 vom 16.11.2011

After Business Clubbing“, das heißt im schlimmsten Fall Loungemusik, Cocktail-Happy-Hour und dementsprechend betrunkene Bürowitze zu später Stunde. Anders liegt die Sache freilich, wenn die beiden Indielabels Seayou und Wilhelm Show Me the Major Label zum After Business Club laden. Bei der Releaseparty der gemeinsamen Kassette von A Thousand Fuegos und Black Fox Tropikal war die lokale Indieszene trotz allerlei Konkurrenz zahlreich im Shelter vertreten. Black Fox Tropikal mit Hawaiihemden, Blockflöten und karibischem Flair stellten einen lustigen Kontrast zum One-Man-Wunder A Thousand Fuegos dar. Dieser generiert entweder nur mit Gitarre und Stimme oder auch mit diversen Rhythmus- und Loopmaschinen eine so einnehmende, atmosphärische Songsogwirkung, dass einem ganz schwindlig werden kann. Und wer mit einer Enrique-Iglesias-Coverversion einen ganzen Indieclub zum Mitsingen bringt, verdient sowieso ewigen Respekt.

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Unser vorletztwöchiger Coverboy Nino Mandl alias Der Nino aus Wien ist ein originelles Kerlchen. Was übrigens nicht nur für seine Musik gilt: Als er sein neues Album "Schwunder“ in der Fledermaus präsentierte, spielte Mandl kein Konzert, sondern gab ein in der Nacht zuvor geschriebenes Hörspiel zum Besten. Ein kleines bisschen Livemusik gab es am Rande des Abends dann aber doch: Die "ZiB 13“ hatte sich angesagt, wollte über "den neuen Ambros“ aber nur berichten, wenn sie auch Livebilder bekäme. Also sang der Nino dem ORF mit geschlossenen Augen eine Schlüsselstelle des neuen Albums vor: "Vielleicht bin ich nicht zugedröhnt, aber ich glaube, man könnte es meinen.“ Ja, genau so ist das - und genau so wurde das dann auch gesendet. "Aber Vorsicht: Der Nino aus Wien macht nicht wirklich Austropop“, moderierte Birgit Fenderl den Nino-Beitrag dann an. Haarscharf kombiniert, können wir da nur sagen!

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Weniger toll fanden wir den Auftritt des von uns eigentlich verehrten Kristof Schreuf im Brut. Der Hamburger Musiker, dessen Band Kolossale Jugend Ende der 80er-Jahre den deutschen Diskursrock miterfunden und damit den Weg für Bands wie Blumfeld und Tocotronic bereitet hatte, gastierte als Teil von Angela Richters Theaterstück "Berghain Boogie Woogie“ in Wien. Das Stück, das wenig mit dem Berliner Club, dafür aber umso mehr mit Drogenkonsum zu tun hatte, war gut; Schreufs Arroganz beim Konzert zur späten Stunde fanden wir aber eher fragwürdig. Kann es sein, dass Kristof Schreuf in den Ausläufern seiner Pubertät hängengeblieben ist? Oder ist er für immer gefangen in jenem historischen Popmoment, als Arroganz noch als Coolness missverstanden wurde? Warum sind noch mal schnell alle Turnschuhträger der Feind? Warum müssen charmante junge Zwischenruferinnen gar so wichtigtuerisch gemaßregelt werden? Und was sollte die Ansage bitte schön bedeuten, dass man an Wien erkenne, wie so eine Stadt aussehen kann, wenn der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden hätte? Die Regisseurin Angela Richter fand es lustig. Wir eher nicht so.

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Bereits zum 30. Mal erscheint heuer das schlaue Servicebuch "Wien, wie es isst“. Was als kleines Merkheft mit 220 Adressen begonnen hat, hat sich im Laufe der Zeit zu einem veritablen Ziegel mit 4000 Lokalen gemausert. Das Jubiläum wurde im Rahmen der Buch Wien mit 30 Wirten begangen. Florian Holzer, der das Handbuch seit 1991 redaktionell betreut, ließ das Werk, alle die bei seiner Entstehung geholfen haben und die Wirtsleute, ohne die es den dicken Gastroführer nicht gäbe, bei Bier und Beinschinken hochleben.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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