Stadtrand

Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Birgit Wittstock | aus FALTER 47/11 vom 23.11.2011

Es lag einer dieser gelben Postabholscheine im Briefkasten, nur waren keine Abholzeiten darauf vermerkt. Am nächsten Morgen stand ich an angegebener Adresse statt vor einem Beamten vor einer Schließfachwand. Ein Display forderte mich schriftlich dazu auf, den Paketcode einzutippen, dann den unteren Teil des gelben Zettels (mit einem Chip versehen) an das Lesegerät zu halten. Ein leises "Klick“ und eines der Schließfächer öffnete sich. Ein Traum! Post rund um die Uhr: ohne Anstellen, ohne Diskutieren. Anonym! Selbst Rück- und Nachnahmesendungen sind damit möglich. Irre! In Wohnhausanlagen werden sie auch gerade erprobt. Toll! Wie nur aber wird Frau K. von der Viererstiege - geschätzte 90 und fast blind - wohl künftig an ihre Post kommen? Vorstellbar, dass sie den gelben Zettel schütteln wird, in der Hoffnung, dass ein Schlüssel herausfällt, mit dem sich eines der Fächer öffnen lässt. Dann wird sie sehnsüchtig an ihren Briefträger zurückdenken und sich wünschen, dass ihr den Rest ihres Lebens bloß kein Paket mehr geschickt wird.


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