Selbstversuch

Aber du reißt dich diesmal zusammen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 47/11 vom 23.11.2011

Das Mimi sagt, es hat da was mit einem Zahn, ich soll jetzt endlich den Zahnarzt anrufen und einen Termin ausmachen. Hat es mir das übrigens nicht schon letzte Woche gesagt? Ja, hat es. Und warum gibt es dann immer noch keinen Termin? Naja, vielleicht weil Zahnarztbesuche mit dir nicht zu meinen bevorzugten Hobbys gehören.

Zahnarzttermine verlaufen so: Die Mutter macht nach einem halben Jahr oder der dritten Aufforderung einen Termin aus. Die Tage vor dem Zahnarztbesuch sind ausgefüllt mit Verhandlungen über die Belohnung, die auf einen Zahnarztbesuch steht, und nein, Pokemon-Karten kriegten wir schon das letzte Mal und außerdem interessiert uns das nicht mehr, wie wär’s mit einem Netbook? Ja, eh, es setzt, bei mutterschonendem Betragen, je ein Littlest-Pet-Shop-Viech, mehr ist nicht drin. Zwei. Okay, zwei, aber du reißt dich diesmal zusammen. Sicher! Die Mutter besorgt die Viecher, packt sie zusammen mit den Nintendos in die Tasche, holt die Kinder vom Hort ab und fährt mit ihnen zum Zahnarzt. Die Mimis sitzen gelassen in der Bim und raten, was für Littlest Pets es werden könnten und was die Mutter zu erleiden hat, falls man die schon hat. Die Praxis wird betreten, man plaudert mit der Ordinationshilfe und setzt sich dann ins Wartezimmer, wo die Mimis sich über das Zeitschriftenangebot beschweren. Spielt Nintendo, ich hab sie euch extra mitgebracht. Keine Lust. Ihr wollt doch sonst immer … Jetzt aber nicht, wann kommen wir endlich dran? Man kommt endlich dran und wird vom Zahnarzt begrüßt, es ist ein netter Zahnarzt, der super mit Kindern umgeht, der kinderliebste Zahnarzt, den ich kenne. Ich habe ihn vom Fink, und der Zahnarzt und ich parlieren über den Fink und wie es ihm geht, während die Mimis verhandeln, wer als Erstes dran ist. Es ist immer das andere Mimi zuerst dran: Es setzt sich auf den Behandlungsstuhl, macht den Mund auf, seufzt ein wenig, als der Zahnarzt bohrt, macht den Mund wieder zu und hüpft vom Sessel. Beim zweiten Mimi ist es etwas anders. Sagen wir so: Bevor es 40 Minuten später seine Belohnung abgreift, ist es, während die Mutter, der endlos freundliche Zahnarzt und eine wachsende Zahl von Helferinnen beruhigend auf es einsprachen, drei Mal vom Sessel geflüchtet, hat sich in einer Ecke versteckt, hat sich wieder auf den Sessel gesetzt, hat den Mund nicht aufgemacht, hat geschrieen, hat den Mund nicht aufgemacht, hat geheult, hat den Zahnarzt gebissen, ist ins Wartezimmer gerannt und hat dort gellend um Hilfe geschrieen, bis die Mutter, weil das Beruhigen nichts half, mit Gewalt drohte, was von den anderen Patienten mit Wohlwollen abgenickt wurde.

Irgendwie gelang es dem Zahnarzt, den Zahn zu reparieren. Danach sagte er, er braucht jetzt einen Schnaps, was insofern interessant ist, als unser Zahnarzt, soweit ich weiß, Muslim ist. Aber, ja, Kind, ich mach heute einen Termin aus.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige