Menschen

Auch schon Wurst

Falters Zoo | Ingrid Brodnig & Matthias Dusini | aus FALTER 47/11 vom 23.11.2011

Es ging um die Wurst. Nein, nicht um Conchita Wurst, das bärtige Glamourgirl, sondern um die Frankfurter Wurst. Die wurde nämlich bei der Eröffnung des 21er Hauses verteilt, dem neuen zeitgenössischen Ausstellungshaus unter Führung des Belvedere-Museums. Zur Eröffnungsfeier im Rahmen der Vienna Art Week kamen alle, die zur Kunst in der Stadt ihren Senf abgeben oder einfach nur eine Gratiswurst essen wollten. Angeblich waren es 7000 Menschen, darunter Bundespräsident Heinz Fischer oder Moderatorin Arabella Kiesbauer. Wohl kaum waren es aber 7000 Würstel, die da verteilt wurden und so kam es zu tumultartigen Zuständen, ellenlangen Schlangen und Aggressionen, die wahrlich nur der Futterneid auslösen kann. Eigentlich ganz lustig, den bedeutenden Kulturschaffenden der Stadt dabei zuzusehen, wie sie nach einem ordinären Stück Fleisch gieren. Einer, der noch rechtzeitig ein Würstel ergatterte, war Viennale-Chef Hans Hurch, andere gaben schon nach wenigen Minuten in der Schlange auf. Wir hoffen, es hat nach all dieser Anstrengung wenigstens gemundet!

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Der Kunstdiskursolymp feierte im Dorotheum. Theoriezampano Christian Höller bekam da von Preiserfinder Moussa Kone den Art Critics Award 2011 überreicht und wurde von Theoriepapst Diedrich Diederichsen mit vertrackten Begriffslorbeeren überhäuft. Die ebenfalls gepriesene Nachwuchsautorin Ines Kleesattel verschwand mit ihrem Scheck im Stiegenhaus des Pfandls, in dem das Duo Phantom Ghost Barmusik aufführte, wie man sie von lebenserfahrenen Schauspielern mit Seelöwenbart kennt. Ghost-Musiker Dirk von Lowtzow, hauptberuflich Tocotronic-Intellektueller, war die richtige Wahl: Er singt mit Vorliebe gereimte Seminararbeiten.

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Berittene Husaren und beschwipste Marketenderinnen, Bundesheerler neben Tiroler Schützen. Wer letzten Samstag durch die Innenstadt schlenderte, wunderte sich: Ist der Kaiserenkel nicht längst begraben? Die traurige Nostalgieschlange zog aber nicht Richtung Habsburgergruft, sondern zum Hochzeitsbankett, wo Sandor und Herta Habsburg-Lothringen den Bund fürs Leben begossen. Ohne den durchlauchten Herrschaften auf die Schleppe treten zu wollen: Beim Kostümverleih und beim Friseur sollte man nicht sparen, wenn man in einer offenen Kutsche durch die City rollt.

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Er wird nicht "Last Christmas“ singen. Er wird keine einzige Wham-Nummer singen. Oh Gott, er kommt mit einem Symphonieorchester! "Last Christmas, I gave you my heart.“ Die Stadthalle war ausverkauft für den Auftritt von George Michael, dem einst gemeschten Troubadour, der so verträumt blicken kann, wenn sich nicht wieder einmal eine falsche Substanz in sein Nervensystem verirrt hat. "But the very next day, you gave it away.“ Er leide an einer "Entzündung der Atemwege“, hieß es kurz vor dem schließlich abgesagten Konzert. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind.

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Am Samstag war die Kunstkarawane schon etwas schlapp. Aus den 7000 im 21er Haus waren sieben geworden, die den Weg in den Kunstraum Glockengasse 09 in der Leopoldstadt fanden. Dabei nahm sich die portugiesische Künstlerin Vania Rovisco, die sonst mit Meg Stuart unterwegs ist, extra viel Zeit, um mit dem Publikum zu interagieren, wie man so schön sagt. Im Raum waren Bänder gespannt, die allesamt in der Vagina der Performerin endeten. Ein bisschen mehr plaudern und weniger ehrfürchtig blicken hätten wir sieben schon können. Dann wäre aus dem Monolog vielleicht noch ein Dialog geworden.

Zu wenige Würstel: Eröffnungsparty des 21er Hauses

Achtung!

Schach/Rätsel finden Sie ab sofort in der Falter:Woche auf Seite 54

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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