Theater  Kritik

Unsympathler unter sich: Schnitzler im Volkstheater

Lexikon | aus FALTER 47/11 vom 23.11.2011

Arthur Schnitzler hatte ein Herz für Unsympathler. In seinem 1904 uraufgeführten Schauspiel "Der einsame Weg“ stehen gleich drei davon im Mittelpunkt des Geschehens. Der Schriftsteller Stephan von Sala ist ein egozentrischer Zyniker. Sein Jugendfreund, der Maler Julian Fichtner, hat einst die Braut seines Freundes geschwängert und sie dann sitzenlassen. Aus dem betrogenen Freund, Professor Wegrat, wiederum ist ein biederer Kunstbeamter und gefühlsarmer Familienvater geworden. Mehr als 20 Jahre später müssen die Kinder die Suppe auslöffeln, die ihre Väter ihnen eingebrockt haben: Felix reagiert verstört auf Julians spät erwachte Vatergefühle; Johanna verliebt sich hoffnungslos in den herzkranken Sala und geht ins Wasser.

Das Volkstheater unternimmt mit dem "Einsamen Weg“ - fünf Jahre nach Patrick Schlössers "Liebelei“-Inszenierung - erneut den Versuch, einen anderen Ton für Schnitzler zu finden. Der junge, erstmals in Wien engagierte Regisseur Alexander Nerlich inszeniert das Stück als artifizielle Freakshow. Auf einer gewollt provisorisch eingerichteten Bühne (Wolfgang Menardi) und in extrem typisierenden Kostümen (Amit Epstein) sind lauter monströse Figuren zu beobachten. Denis Petkovic (Sala) spielt einen kettenrauchenden Kaltblüter, Günter Franzmeier (Fichtner) einen manisch-depressiven Altrocker, Nanette Waidmann (Johanna) ein früh verlebtes Mädchen und Heike Kretschmer (als Julian Fichtners Exgeliebte) die Karikatur einer Schauspielerin. Weil es der Inszenierung aber nicht gelingt, einen gemeinsamen Ton zu entwickeln, wirkt sie über weite Strecken hölzern und manieriert. Der ausgestopfte Löwe, der im vierten Akt auf der Bühne steht, ist das Wappentier einer Aufführung, die zum Sprung ansetzt, dann aber doch nicht zubeißt. WK

Volkstheater, Fr, Mi 19.30


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