Musik Tipp Pop

Glänzende Oberfläche mit beseeltem Kern

Lexikon | aus FALTER 47/11 vom 23.11.2011

Die 80er-Jahre haben zwei weibliche Popstars hervorgebracht, die beide nach eigenen Gesetzen funktionieren: Sie scheinen vor der Geisel des Alterns gefeit zu sein und pflegen einen unkonventionellen Umgang mit der Zeit. Die eine heißt Grace Jones, die andere Sade Adu. Grace Jones ist Schauspielerin, Model und immer wieder einmal auch Sängerin. Ihrem vorletzten Album ließ die mittlerweile 63-Jährige unglaubliche 19 veröffentlichungsfreie Jahre folgen. Dann kehrte sie 2008 mit "Hurricane“ zurück - und es schien, als sei sie nie weg gewesen. Was für eine coole Platte, was für eine coole Frau!

Mit Sade Adu, der 1959 geborenen Sängerin der britischen Band Sade, verhält es sich ähnlich, obwohl dem letztjährigen "Soldier of Love“ nur zehn Jahre ohne neues Album vorangegangen waren. Ihre Karriere hatte die britisch-nigerianische Sängerin Anfang der 80er als Fotomodell begonnen, wenige Jahre später dominierte sie mit dem unterkühlten Schulterpolsterhochglanzjazz von Alben wie "Diamond Life“ und "Promise“ weltweit die Charts. Das Geheimnis ihres Erfolgs war die bis heute kultivierte Mischung aus unbedingter Gefälligkeit und beseelter Emotionalität, die sich unter der polierten Oberfläche verbirgt.

Ihr erstes Wien-Konzert hat Sade 1983 im U4 gegeben, mehr als ein Vierteljahrhundert später kommt sie jetzt in die Stadthalle. Bis zum nächsten Wien-Besuch kann es erfahrungsgemäß dauern. "Sade hat eine völlig andere Vorstellung von Zeit als die meisten Menschen“, sagte ihr Gitarrist und Saxofonist Stuart Matthewman letztes Jahr im Rolling Stone. "Wenn sie in ihren Garten geht, kann es sein, dass sie dort vier Stunden arbeitet und hinterher glaubt, sie wäre nur zehn Minuten weggewesen. Oder sie fragt: ‚Weißt du noch, neulich, als wir auf Tour waren?‘ Obwohl die Tour schon fünf Jahre her ist.“ GS

Wiener Stadthalle, Fr 19.30


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