Kunst Vernissage

Mit der Wackelkamera in der 1-Euro-Shopping-Mall

Lexikon | aus FALTER 47/11 vom 23.11.2011

Die Zeiten, in denen die Niederlande als Modell für eine rassismusresistente Gesellschaft galten, sind lange vorbei. Als künstlerisches Enfant terrible ist Erik van Lieshout in der Vergangenheit mit provokanten Politikerzeichnungen aufgefallen. Ab dieser Woche widmet ihm die Bawag Contemporary eine Ausstellung, wo er mit seinem Doku-Video "Commission“ einen Finger auf die Wunde seiner einstmals als so offen betrachteten Heimatstadt Rotterdam legt.

Der Künstler ist in dem Film zu sehen, wie er einen Shop in dem heruntergekommenen Einkaufszentrum Zuidplein betreibt. In Lieshouts Geburtsjahr 1968 stolz als Symbol für Wohlstand eröffnet, wird diese Mall heute vor allem von migrantischer Unterschichtsbevölkerung frequentiert. Über den Eingang des Ladens hängte der Künstler den Spruch "Echter Luxus ist nichts zu kaufen“, wobei es sich um ein Zitat des Stararchitekten Rem Koolhaas zu dessen Prada-Store in New York handelte. Lieshout interessiert sich für seinen Landsmann als Urbanisten ebenso wie als Architekturtheoretiker, der den Begriff "Junk-Space“ für Shoppingzonen prägte.

Lieshout tritt in seinem Video als infantil-unschuldiger Provokateur in einer feindlichen Umwelt auf, der er als Künstler doch nur Gutes tun will. Er verwickelt die Besucher seines Geschäfts in Gespräche über Herkunft, Stadterneuerung, Sicherheit und Konsumverhalten; auch Ansichten über den Rechtspolitiker Pim Fortuyn holt er ein. Stilistisch wirkt das Video wie ein Amateurfilm, in dem die hektische Handkamera in einem dicht von Überwachungskameras kontrollierten Umfeld agiert. Zwischen die Interviews und Ansichten aus der Mall hat Lieshout Bilder seiner cartoonartigen Zeichnungen und Animationen geschnitten, so dass er nicht in die Nähe didaktischer Sozialkritik gerät. NS

Bawag Contemporary, Mi 19.00; bis 29.1.


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