Film Neu im Kino

Kotz dich aus: Polanskis "Gott des Gemetzels“

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 47/11 vom 23.11.2011

Wer nicht raus kann, lässt viel raus - Klaustrophobie ist ein Ort der Wahrheit: eine Binsenweisheit. An der ist so viel gar nicht dran, aber sie ist dankbar darzustellen. Darin brilliert Roman Polanski seit jeher, zuletzt mit "Der Ghostwriter“; sein neuer Film, "Carnage - Der Gott des Gemetzels“ (nach dem Bühnenstück von Yasmina Reza, die das Skript mit verfasste), hat eine New Yorker Mittelklassewohnung zum einzigen Schauplatz. Dort einigen zwei Ehepaare Mitte 40 sich zu Beginn über den Wortlaut einer Sachverhaltsdarstellung, nachdem der Filius des einen dem des anderen im Park einen Zahn ausgehaut hat; eben will das eine Paar gehen, da setzt ein Prozess ein, der in Echtzeit auf schiefer Ebene abläuft.

Man streitet und entblößt sich. Von Heuchelhöflichkeit und Bildungsbürgerfloskeln über Handymanie und peinliches Erbrechen im Schreiduell bis zu Suff, Regression und Bekenntnis zum Glauben an nur einen Gott (siehe Titel) wird durchexerziert, dass Zivilisationsschichten dünn und die Lügen liberaler Selbsttäuschung dick sind. Eine Zeitlang entfaltet die Inszenierung virtuos Sprachspiele der Verstrickung in Verlegenheitslachen und Verständniszwangsmoral. Doch dann gibt sie diese als bloße Fassade zu verstehen und stürzt uns mit Offenbarungsgetöse in Wahrheitsabgründe dahinter: Als Bild und Einsicht ist das so dumpf wie diese Metapher (oder wie die Verwechslung von Ressentiment gegen "Gutmenschen“ und Political Correctness mit Ideologiekritik). In "Rosemarys Baby“ etwa wusste Polanski es besser: Hinter Kleinbürgerfassaden stecken Satanisten, aber in diesen wiederum Kleinbürger.

Das Plakat zu "Carnage“ zeigt Grimassen von Jodie Foster, John C. Reilly, Kate Winslet und Christoph Waltz im Übergang vom Lächeln zur Panik; der Film ist die Langfassung dazu - kurzweilig mit seinem satirischen Nuancenschauspiel und nur 79 Minuten kurz.

Ab Fr in den Kinos (OF im Burg und Haydn)


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