Selbstversuch

Zu hässlich, zu kurz, zu langweilig

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 48/11 vom 30.11.2011

Was ich selbstverständlich nicht geschafft habe: einen Adventkranz rechtzeitig zum ersten Adventsonntag fertigzubinden. Überhaupt nur anzufangen. Nicht, dass es allzu negativ aufgefallen wäre. Auf christliches Brauchtum, das nicht mit Geschenken, Süßigkeiten oder schulfrei gekoppelt ist, wird in diesem Haushalt unterdurchschnittlicher Wert gelegt. Was nicht heißt, dass ein Adventkranz nicht dennoch gefordert worden wäre: Das hat man nun mal zu haben, jeder hat das, wir hatten das immer, wir wollen das auch heuer.

Also schnitt die gute Mutter letzte Woche, als man eh zur Absperrung des Wassers ins Waldviertel fahren musste, eine Tanne in Unform, deren Reisig nun auf dem Balkon vertrocknet und vermutlich bis weit nach Ostern weitervertrocknen wird, wie es in anderen Jahren die Adventkränze und anschließend die Christbäume tun. Ich warte jetzt einmal ab, ob auf den zweiten Adventsonntag hin eine neuerlich Forderung gestellt wird, bezweifle aber, dass irgendwer hier noch gierig ist auf idyllisierendes Absingen von Weihnachtsliedern bei Kerzenschein.

Wie auch: Eins der Mimis antwortet seit Wochen auf keine Fragen mehr, sondern tut einfach konsequent so, als wäre man gar nicht da, außer, es sind Forderungen zu formulieren. Gestern lächelte es mich am frühen Abend an, und ich sagte natürlich sofort: Nein, es dürfe nicht fernsehen. Aber tatsächlich war dem Kind offenbar vollkommen unvermutet ein grundlos positives Gefühl für seine Mutter entfleucht, was ihm nun garantiert nicht mehr passieren wird, viele Wochen nicht, in denen es sein beleidigtes Strafschweigen noch vertiefen wird. Nur die Lockerung medialer Embargos wird es für Sekunden zurückholen. Hin und wieder wird es etwas, was man besorgt oder erledigt hat, als zu klein, zu hässlich, zu unnett, zu wenig oder zu langweilig kommentieren und zwischendurch bekanntgeben, dass das Essen nicht schmecke und es in der Klasse geächtet sei, weil es nicht fernsehen darf.

Erstaunlicherweise ist das Kind überall sonst einigermaßen beliebt und gilt, besonders bei Erwachsenen, als unkompliziert, was eine weitere Strategie ist, seiner Mutter zu kommunizieren, dass sein dramatischer Stimmungsverfall einzig und allein ihre Schuld ist. Das fällt auf fruchtbaren Boden, der bereits prächtig beackert ist von einer Schreibblockade, einem schlecht geführten Terminkalender und einem erheblichen Mangel an Bewegung. Für Letzteres existiert allerdings eine externe Schuldige, nämlich die Gemeinde Wien, die mir das Stadthallenbad nicht und nicht fertigbaut, was einen überaus beklagenswerten Effekt auf meine Kondition, meine Konstitution und meine Laune hat, die an dem Umstand nicht gesundet, dass der Nachwuchs keineswegs bereit ist, auf einen von der Mutter händisch gefüllten Adventkalender zu verzichten. Sind ja Süßigkeiten drin. Braucht man; ist ja sonst alles bitter genug.


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