Menschen

How gay!

Falters Zoo | Joseph Gepp, Nathalie Grossschädl | aus FALTER 48/11 vom 30.11.2011

Stell dir vor, es ist Advent und keiner schaltet die Weihnachtsbeleuchtung ein. Unvorstellbar! Und so konnten sich Stadt Wien und Geschäftsleute nach einigem Gezanke doch noch einig werden, wo überall Adventkerzerln brennen. Oder genauer gesagt die supermodernen, energiesparenden Weihnachts-LEDs. Die erhellen seit vergangener Woche 42 Einkaufsmeilen oder umgerechnet 20 Kilometer Straße. Wie auch schon Michael Richter, Obmann des Währinger Wirtschaftsvereins, haarscharf erkannt hat, ist das "Weihnachtsgeschäft im Dunklen sicher nicht so nett“.

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Im Schnitt geben die Wiener übrigens 21 Euro am Christkindlmarkt aus. Zumindest erhofft sich das die Wirtschaft für heuer. Der Advent wird in Wien aber in Wahrheit gar nicht am Christkindlmarkt oder auf den Einkaufsstraßen eingeläutet, sondern im Porgy & Bess. Dort findet alljährlich das wunderbare Blue Bird Festival der Vienna Songwriting Association statt, wo es immer schön besinnlich zugeht. Ein Höhepunkt war das Konzert der Singer-Songwriterin Dear Reader. Die Südafrikanerin, die eigentlich Cherilyn MacNeil heißt, lebt seit einem Jahr in Berlin und kann dafür schon richtig gut Deutsch. Nur sind ihr noch nicht alle doppelbödigen Bedeutungen des deutschen Vokabulars geläufig. Als es im ausverkauften Konzertraum heiß wurde, erklärte MacNeil dem Publikum: "Ihr seid so warm.“ Da mussten selbst die deutschsprachigen Bandmitglieder lachen und erklärten der Südafrikanerin dann, was das Wörtchen warm noch bedeuten kann. Insgesamt fanden das alle sehr lustig - oder wie es der Engländer sagen würde: It was a very gay evening!

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Vor lauter Bäumen fast den Wald nicht sehen, konnte man vergangenes Wochenende beim Fesch’markt in der Ottakringer Brauerei: Sie waren zahlreich gekommen - die Freunde und Jünger des Designs. Ein Parkplatzschranken vor der Brauerei musste am Sonntagnachmittag sogar herhalten, um den enormen Besucherstrom zu regeln. Hatte man die erste Hürde einmal passiert, galt es nur noch in der langen Warteschlange vorm Hopfenboden auszuharren. War man endlich drinnen, musste man sich nur noch einen Blick auf die ausgestellte Ware erkämpfen. Es war knackevoll, das Gedränge groß. Schaffte man das aber, so wurde das Auge belohnt: Es gab Ringe mit Sachertörtchen drauf und Uniformjacken, wie direkt aus Michael Jacksons Nachlass. Baumwollstoffe aus Asien und Amerika, gehäkelte Stirnbänder, Kunstfotos mit Obst- und Comicfigurenarrangements - ein Sammelsurium an spannenden Dingen eben. In einer Ecke des Hopfenbodens stand das Tingel-Tangel-Mobil, von wo aus DJs für hippe Beschallung sorgten und die Sau rausließen.

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"Unter Wasser, über Leben“: Diesen etwas rätselhaften Titel trägt das Buch, das Schwimmerin Mirna Jukic über ihr Leben verfasst hat. Co-Autor ist der Sportjournalist Martin Sörös. Vergangenen Donnerstagabend wurde das Werk in Vösendorf präsentiert - was Jukic gleich nutzte, um jedermann verständlich zu machen: Mit ihrer Schwimmkarriere ist es endgültig vorbei. "Ich habe definitiv damit abgeschlossen“, sagt sie. "Ich habe es damals schon gesagt und sage es auch jetzt und werde es auch in fünf Jahren sagen.“ Jukic will ihr Buch weder als Biografie noch als Memoiren verstanden wissen - sondern als "Mirna-Buch“, wie sie sagt. Und sie kündigt einige Überraschungen für die Leser an. Für die Recherche reiste sie übrigens eigens in ihre slawonische Geburtsstadt Vukovar. Die dortigen Kriegswirren, vor denen Jukic einst floh, jähren sich just in diesen Tagen zum 20. Mal.

Ingrid Brodnig

Achtung!

Schach finden Sie ab sofort in der Falter:Woche auf Seite 62

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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