Film Neu im Kino

News from Home: "Die fünf Himmelsrichtungen“

Lexikon | aus FALTER 48/11 vom 30.11.2011

Viel Zeit mag vergangen sein, aber für mich seid ihr so gegenwärtig wie am Tag unseres Abschieds. So lebt ihr in meiner Erinnerung, als ob dieser Tag heute wäre.“ Es war an einem Oktobertag 1997, als Maria Esther auf der Suche nach Arbeit ihr mexikanisches Heimatdorf Tres Valles verließ und nach Kansas City auswanderte. Seit damals hält sie die Verbindung zu ihrer Heimat durch Telefonate und Briefe aufrecht. Diese Zeilen schreibt sie dem Pfarrer, und während der alte Mann zu lesen beginnt, wird seine Stimme von der Maria Esthers abgelöst und wechselt auch der Film von Mexiko in die anonyme Atmosphäre eines amerikanischen Waschsalons.

Viele Male ist Fridolin Schönwiese zwischen Tres Valles und den USA hin- und hergereist und hat seine beiden Protagonisten - neben Maria Esther den Familienvater Miguel, der alle paar Jahre nach Mexiko fährt - durch ihren Alltag begleitet. Doch die beiden stehen nur exemplarisch für einen Großteil des Dorfs, der sich beim reichen Nachbarn angesiedelt hat, ohne dort neue Wurzeln zu schlagen. Es ist ein Dasein im Anderswo, in dem das Vertraute gesucht und nicht gefunden werden kann.

Deutlich ist diesem Film mit dem schönen, traurigen Titel "Die fünf Himmelsrichtungen“ die Nähe Schönwieses zu seinen Protagonisten anzumerken und der Wunsch, dem üblichen Blick auf Migration, Armut und Illegalität eine Innenperspektive entgegenzusetzen. "Die fünf Himmelsrichtungen“ ist nach "Volver la vista“ (2005) Schönwieses zweiter langer Dokumentarfilm und einer der schönsten österreichischen der letzten Jahre. "Das Leben ist ein Schloss der Illusionen. Solange wir träumen, denken wir nicht“, sagt Maria Esther. Dieser Film zeigt, dass sie den Traum weiterträumt, obwohl sie längst erwacht ist. MP

Do, 1.12, bis Di, 6.12., im Metro-Kino (OmU)


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