Enthusiasmuskolumne  Diesmal: das beste Schloss der Welt der Woche

Römischer Prunk im Wiener Sumpf

Feuilleton | aus FALTER 49/11 vom 07.12.2011

Man weiß nicht so genau, wie viele böhmische Protestanten leiden mussten, damit die Gewinnler der Gegenreformation in Wien ihre Palazzi bauen konnten. Eines muss man den Schwarzenbergs, Czernins und Liechtensteins aber lassen: Geschmacklich waren sie den heutigen Mächtigen, den Banken, Versicherungen und ÖBB-Vorständen, weit voraus.

So ließ sich Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein (1657-1712)in der Vorstadt ein Palais von italienischen Architekten errichten. Eine monumentale Villa, die sich im Stadtzentrum Roms sehen lassen könnte. So weit also schweifte das Auge des Fürsten über den Rossauer Sumpf hinaus! Später dann kam die Kunstsammlung der Liechtensteins hierher, auch sie von Weltklasseformat: Riesengemälde von Rubens, barocke Skulpturen und kostbares Kunsthandwerk.

Dieses Gesamtkunstwerk lässt sich noch bis 31. Dezember besichtigen (zehn bis 17 Uhr, Mittwoch und Donnerstag Ruhetag). Dann stellt das Liechtenstein Museum seinen Betrieb ein. Besichtigungen sind künftig nur mehr im Rahmen gebuchter Führungen möglich. Was für ein Verlust für die Museumsstadt Wien!

Kaum eines der barocken Gebäude, Apotheosen der himmelwärts strebenden Materie, ist öffentlich zugänglich. Entweder sie werden - wie das Stadtpalais Prinz Eugens in der Himmelpfortgasse 8 - von Ministerien genutzt. Oder sie sind - wie das Palais Harrach, der ehemalige Sitz der Harrach’schen Gemäldesammlung - durch den Bombenkrieg in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Liechtensteins ließen ihr Haus vorbildlich renovieren und brachten ihre Sammlungen aus Vaduz zurück.

Das Palais Liechtenstein war das einzige privat finanzierte Museum alter Kunst. In keinem anderen Museum ließ sich die Symbiose von Architektur, Freskenmalerei, Skulpturen und Sammlungstätigkeit in solch prächtiger Zusammenschau erleben.

Ein Vivat auf den Krösus, der das noch einige Tage ermöglicht!

Matthias Dusini


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