Doris Knecht  Selbstversuch

Habtses schön, wo immer ihr nun seid

Kolumnen | aus FALTER 49/11 vom 07.12.2011

Es gibt natürlich eine ganz simple Möglichkeit, das muffige, mutterverachtende Kind zuverlässig anzulocken und zum unaufgeforderten Sprechen, ja sogar zum freiwilligen Austausch von Zärtlichkeiten zu bewegen: Man muss sich nur an den Schreibtisch setzen und, weil dem eigenen Kopf gerade unvermutet die großartigsten Ideen zugeflogen sind, endlich wieder einmal konzentriert am Buch weiterarbeiten. Schon steht das Kind da und würde endlich gern einmal schön mit seiner Mutter kommunizieren, nur so, und ein bisschen kuscheln. Das Kind jetzt mit der Frage abzuweisen, ob es denn nicht gerne wieder einmal fernsehen würde, wäre natürlich ein fataler pädagogischer Fauxpas und maximal inkonsequent. Also schmust und plaudert man mit dem lieben Kind, während man spürt, wie das komplexe Gedankengerüst, das sich im Kopf gerade wie von selbst aufgebaut und mit den ultimativen Sätzen gefüllt hat, restlos und unwiderruflich in sich zusammenbröselt. Dieser Kinderfängertrick funktioniert natürlich nicht, wenn man am Computer nur in Ebay oder anderswo herumstreunt und nach alten Lampen fahndet oder nach Sommerkleidern oder nach Arbeitszimmern. Derlei lockt kein Kind an. Das riechen die, dass das keine ernsthafte Arbeit ist, die zu ruinieren es sich lohnt.

Das Prinzip greift übrigens auch beim Langen, der einen stundenlang wunderbar anschweigen kann, bis man sich in seinen Text eingelebt, eingeschrieben hat, worauf er neben dem Schreibtisch erscheint und über die Größe der Müllsäcke reden möchte, die man auf die Einkaufsliste geschrieben hat. 110 Liter, wie schon seit 15 Jahren, und ade, ihr perfekt gesetzten Wörter, habtses schön, wo immer es euch nun hingeweht hat.

Andererseits ist es zu billig, der Familie die Schuld für die Schreibblockade zuzuschieben, denn in Wahrheit gelingt einem auch nichts, wenn die nicht zu Hause sind, wenn man also in Ruhe arbeiten könnte und stattdessen Waschmaschinen entleert und Küchen putzt und Gehwege durchs Wohnzimmer schaufelt. Man braucht ein externes Arbeitszimmer, es ist nun fix. Dann wird man abends nach Hause kommen, glücklich erfüllt von einem erfolgreichen, gelungenen Schreibwerk, um dann den Rat einer Freundin zu beherzigen, in deren Ohr man kürzlich das eigene schlechte Gewissen ausschüttete, dass man ja wisse, dass man sich viel zu wenig um die Kinder kümmere, zwar anwesend, aber nicht wirklich für sie da sei. Die Freundin sagte: Folgendes. Ein Freund, der erstens Pädagoge und zweitens Vater von fünf Kindern sei, habe ihr dazu geraten, sich jeden Tag mit jedem einzelnen Kind zehn Minuten intensiv zu beschäftigen, denn die Erfahrung zeige, dass das ungefähr genau die Zeitspanne sei, nach der das Kind mit Freude von selbst wieder verschwinde, weil es ihm zu anstrengend werde, sich mit einem faden, kommunikationssüchtigen Elternteil abgeben zu müssen. So mach ich das jetzt auch. F


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