Fragen Sie Frau Andrea

Die alte Wiener Bim-Sitte: Ostegen lassen!

Kolumnen | aus FALTER 49/11 vom 07.12.2011

Liebe Frau Andrea,

eine Freundin berichtete mir freudeglühend von Ihrem Beitrag zur "Langen Nacht der Kolumnisten“ im Rabenhof. Sie erörterten die Wiener Bim-Sitte des Aussteigenlassenfragens. In meinem kleinen Falter-Archiv konnte ich die betreffende Kolumne nicht finden. Können Sie mir weiterhelfen?

Peter Paul, Margareten, per Bernsteinfunkennachricht

Lieber Paul,

die hilfreichen Erörterungen zum Thema "Aussteigenlassen“ erschienen im Falter 19/2002. Das ist nun schon "a Dseiddl hea“, wie die Fachleute sagen. Ich erlaube mir, Ihnen ein Update des damaligen Befundes anzubieten. Oisdaun. Wer in Wien mit Bim, Bus oder U fährt, kennt die Frage. Wildfremde Menschen hauchen sie dir ins Genick: "Tschullingsi, stegen Se os?“ Die Unsitte des Stegen-Se-os-Fragens kenne ich seit meiner Kindheit. Sie trat alternierend zur Schelte huttragender Damen auf, die Kindern, die es wagten, einen Sitzplatz zu benutzen, mit einem zornig gepressten "Schämst dich nicht?“ einheizten.

Das "Tschullingsi, stegen Se os?“ scheint so alt zu sein wie das Straßenbahnfahren selbst, und es entspringt der Angst, den Ausstieg aus der Beförderungseinrichtung nicht mehr zu "derglengen“. Das kann fatal sein, denn wegen einer zu spät beim Aussteigetürl erschienenen Passagierin hat noch kein einziger Öffipilot in der Geschichte des Wiener Kommunalverkehrs seinen Tür-auf-Knopf noch einmal gedrückt.

In hoher Fluchtpein wird ein Wiener Tramwaybenutzer, ein Wiener Busbeförderter auch "Aussteigenlassen!“ rufen. Mit einem kehligen Sopran, wohl wissend, dass er damit nicht mehr bewirkt als aufgehende Impfnarben oder ein vorwurfsvolles "Na, na!“. Als Privatrevolutionärin begrüße ich als Antwort auf die Stegen-Se-os-Frage das kryptische "Man wird sehen“. Auch ein gefährlich mit den Zähnen geknirschtes "Sie müssen mir Zeit geben“ lohnt die Mühe. Skeptizistischer Experimentalismus - "Aussteigen wird überbewertet“ - und Radikalaltruismus - "Nein, gewiss nicht“ - liefern brauchbare Positionen in diesem Sprachspiel. Slawische Seelen greifen zum Halbinsult "Jebem ti, Kollega, was mus?“, bundesdeutsche zu Antworten wie "Ich bin neu hier, wie geht das?“ und "Ich steige grundsätzlich nicht aus“. F


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