Tipps Pop

Zwei Ausflüge in die Wiener Punkvergangenheit

Lexikon | aus FALTER 49/11 vom 07.12.2011

Der britische Poptheoretiker Simon Reynolds vertritt in seinem Buch "Retromania“ die These, dass die Popmusik von ihrer Vergangenheit besessen sei, was für ihre Zukunft nichts Gutes bedeute. Zum einen sind damit die diversen Retromoden gemeint, zum anderen geht es um die Seuche der Bandreunionen und die maßlose Reissuekultur: alles gestern, alles Nostalgie! Wüsste Reynolds, dass dieser Tage "Nervengas“ erscheint, die 1978 aufgenommene, aber unveröffentlicht gebliebene erste EP von Chuzpe, würde er aber wohl nicht den Zeigefinger heben, sondern wohlwollend grinsen. Schließlich hat er einiges übrig für die Punkkultur der 70er-Jahre. Und Chuzpe waren Wiens erste Punkband, sie sollten auch die beste bleiben. "Nervengas“ enthält vier Songs, die beherzt rumpelig dahinpoltern, die Texte sind so klug wie provokant, der Gesang ist eindringlich. Dass das gute Stück mit 33-jähriger Verspätung doch noch erscheint, ist dem Wiener Austropunkarchivar Alexander Magrutsch zu verdanken, der bereits durch einschlägige Samplerveröffentlichungen auffällig wurde. Ob die Single beim Solokonzert des Chuzpe-Sängers Robert "Räudig“ Wolf am 9. Dezember auch wirklich zu haben ist, war zu Redaktionsschluss freilich noch unklar: Aufgrund einer Bastelmesse in Deutschland war das gewünschte Papier für das Cover der Single vorübergehend nicht lieferbar - skurril, aber wahr.

Keine Lieferprobleme gab es bei der CD "Collected Works“, die das Schaffen der Wiener Artpunklebensgemeinschaft Gottfried Distl & Andrea Dee erschöpfend dokumentiert. Wir hören die großartig verstörenden Rassemenschen helfen armen Menschen, die New-Wave-Swingband Sternenstaub und einige ebenfalls bemerkenswerte Soloaufnahmen; die Präsentation der CD erfolgt parallel zum Konzert von Robert Wolf. GS

Brut (Schottenfeldg.), Fr 20.30; Rhiz, Fr 22.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige