Kritik

Grabungen im Foto-gedächtnis der Erdkunde

Lexikon | aus FALTER 49/11 vom 07.12.2011

Das Festmahl einer Kolonialgesellschaft auf Samoa wurde ebenso verewigt wie Händler in Istanbul oder eine Pagode im chinesischen Guangzhou: Nicht weniger als 3300 Fotografien befanden sich im Besitz der 1865 gegründeten Österreichischen Geographischen Gesellschaft - im 19. Jahrhundert ein veritabler Schatz. Das neue private Photoinstitut Bonartes, das von der ehemaligen Albertina-Kuratorin Monika Faber geleitet wird, hat den Bestand dieses Jahr erworben und wird ihn wissenschaftlich aufarbeiten. Die zur Hälfte auf Terrain der Habsburgermonarchie entstandenen Aufnahmen sind absolut sehenswert und werden in dem neuen Schauraum in der Seilerstätte präsentiert.

An den in geografischen Zeitungen und Büchern publizierten Bildern wird die Zeit um 1900 als Epoche der industriellen Welterschließung deutlich, wenn sich etwa in Südamerika Maschinen durch Erde und Geröll graben, die letztlich doch ungeeignet für den Bau des Panamakanals waren. Die Darjeeling Himalayan Railway überwand bereits um 1881 eine Höhe von 2000 Metern; eine Aufnahme zeigt die enge Kehrschleife namens Agony Point. Ein Meer aus hölzernen Bohrtürmen ist auf einer Fotografie zu sehen, die um 1905 die Ausbeutung galizischer Ölvorkommen festhielt. In den Bildern des Fotografen und Journalisten Into Konrad Inha kommt wiederum eine Bewegung nationaler Besinnung zum Ausdruck: Das historisch durch seine Einverleibung durch Schweden und dann Russland geprägte Finnland strebte damals seine kulturelle Identität abzugrenzen, zum Beispiel durch die Besinnung auf Volksbräuche und Trachten. Die von Inha fotografierten Rituale eines Verlobungsgesangs oder einer Beschwörung vor Blockhüttenkulisse sind allerdings nur gestellt. NS

Photoinstitut Bonartes; Voranmeldung unter Tel. 236 02 93


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