Neu im Kino

"Margin Call“ — Hosen runter, Stars heraus!

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 49/11 vom 07.12.2011

Es sei nicht die Angst vor dem Sturz in die Tiefe, sondern die vor dem Zwang, springen zu müssen, erklärt einer der Banker, als er auf dem Dach seines Büros in der Wall Street steht. Was ihn mitten in der Nacht dort hinaufgetrieben hat, davon erzählt "Margin Call“. Der Terminus aus der Finanzwelt markiert jenen Punkt, an dem Nachschussforderungen an einen Schuldner gestellt oder, wie man früher sagte, die Hosen runtergelassen werden müssen. Zu Beginn sieht man, wie Männer und Frauen buchstäblich am Vorabend der Finanzkrise 2008 mit Namenslisten durch die Büroräume einer Investmentfirma schreiten, um eiskalt einen Großteil der Beschäftigten zu entlassen. Doch der Risikoanalyst hinterlässt seinem jungen Kollegen eine brisante Entdeckung: Aus "riskanten“ Papieren sind "giftige“ geworden, die Firma steht vor dem Ruin und wird am Finanzmarkt einen Erdrutsch auslösen. Bleibt nur noch die Frage, ob man freiwillig vorausspringt und wie viele andere man mit in den Abgrund reißt.

JC Chandor setzt in seinem Spielfilmdebüt konzentriert sein eigenes Drehbuch in Szene und auf atmosphärische Dichte: "Margin Call“ liefert keinen investigativen oder gar dramatischen Blick hinter die Kulissen, sondern eine kühl insistierende Beobachtung von Abläufen innerhalb eines unbeherrschbar gewordenen Systems. Über den "lead trader“ (Paul Bettany) nimmt die Katastrophe ihren Lauf Richtung obere Etagen (Kevin Spacey, Demi Moore), bis sie beim einfliegenden Konzernchef (Jeremy Irons) angelangt ist, der bei seiner finalen Entscheidung gewöhnlich einer inneren Stimme gehorcht. Das ist das Erstaunliche an diesem Film: dass er normalen Menschen dabei zusieht, wie sie zufällig das tun, von dem sie glauben, dass sie es am besten können.

Ab Fr in den Kinos (OF im Burg, OmU im Votiv)


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