Der Grubengrübler

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 50/11 vom 14.12.2011

In der Nacht des 4. März 2010 starb der Tiroler Architekt Raimund Abraham bei einem Verkehrsunfall in Los Angeles. Er wurde 76 Jahre alt. Nun erschien die erweiterte Ausgabe seines Werkkatalogs, in dem man den Einzelgänger des Architekturbetriebs vor allem als Zeichner kennenlernt. Mitte der 60er-Jahre entstanden Perspektivzeichnungen von utopischen Megastrukturen, die von der Weltraumfahrt inspiriert sind.

Ähnlich wie bei seinem Weggefährten Walter Pichler entstehen auch malerisch ambitionierte Grafiken von imaginären Bauten, die Landschaft und Gebäude zueinander in Beziehung setzen. Das nur in der Imagination Gebaute gehört zum Werk eines Künstlers, dessen Œuvre nicht mehr als eine Handvoll realisierter Bauwerke umfasst.

Abraham lebte ab 1971 in New York. Hier entstand auch sein wichtigstes Gebäude, das Österreichische Kulturforum in der 52. Straße. Es ist nur siebeneinhalb Meter schmal, dafür aber 20 Stockwerke hoch. Die Abbildungen des bautechnisch schwer umzusetzenden Entwurfs zeigen die Beharrlichkeit, mit der Abraham den Weg seiner poetischen Ideen vom Zeichentisch zum realen Bauwerk verfolgte.

An der mexikanischen Pazifikküste baute er zuletzt in einem ehemaligen Hippiedorf ein Haus, das seiner Vorstellung von elementarem Bauen entsprach. Er verwendete Tonziegel und plante einen gezimmerten Dachstuhl, der an einen Bergbauernstadel erinnert. In der subtropischen Nacht sind die Sterne ganz nah.

Der vorliegende Band enthält neben zahlreichen Abbildungen auch Texte von Kenneth Frampton, John Hejduk und Eric Owen Moss. Es sind Theoretiker und Architekten, die weit bekannter sind als Abraham, dessen Eigensinn und Kompromisslosigkeit aber sehr schätzten. Beim Studium dieses in seinem Anspruch auf Ausschließlichkeit auch düsteren Werks schimmert ein romantischer Wunsch durch: dass sich Himmel und Erde durch Architektur berühren.

Raimund Abraham: (Un)built. Hg. von Brigitte Groihofer.Zweite, erweiterte Auflage. Springer, 348 S., 340 Ill., € 76,96


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige