Selbstversuch

Dieser Fluch möge bitte andere treffen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 50/11 vom 14.12.2011

Die Mimis haben sich jetzt ein Gymnasium ausgesucht. Ich bin mit der Wahl zufrieden, weil dort die Kinder, die uns herumführten, nett, offen und selbstbewusst und nicht allzu unglücklich wirkten. Wie ich schon einmal sagte: Mir is eh wurscht, in welche Schule die Kinder gehen. Solange sich die Schulen nicht aussuchen können, was für Lehrer dort unterrichten sollen oder dürfen, hat man’s eh nicht in der Hand. Die Mimis können an den besten Schulen an die miesesten Pädagogen geraten und an Anstalten unterirdischen Rufs an die besten. So wie ihre Mutter, die an einer ziemlich miesen Schule an einen wirklich guten Lehrer geriet, der die individuellen Talente seiner Schülerinnen und Schüler förderte. Und das ist zweifelsfrei das Beste, was Schule leisten kann.

Ich erlebte im Zuge der Schulwahl ein paar Debatten mit befreundeten Eltern, nach welchen Kriterien eine Schule ausgesucht werden sollte: Unter anderem beobachte ich eine erstaunliche Ungeneigtheit von Bubeneltern, ihren Sprössling in eine Anstalt mit hohem Mädchenanteil oder Gender-Programmen zu schicken. Ein bisschen spürt man stets die Angst der Eltern, der Bub könnte seiner Männlichkeit entfremdet, von seiner natürlichen Wildheit kastriert und folglich zu einem Mädchen oder schwul werden. Beides gilt offenbar noch immer als Fluch, der lieber andere treffen soll.

Auch unter sogenannten Bobos ist eine erstaunliche Gender-Bewusstheit zu bemerken: Ich kenne noch immer sehr wenige moderne Eltern, die ihrem Babybuben rosa oder lila Gewand anziehen. Offenbar aus der Urangst heraus, dass mit Weiblichkeit konnotierte Erscheinungsformen oder eben der Umgang mit zu vielen Mädchen ein vielleicht in ihren Söhnen lauerndes Schwächlings-Gen aktivieren, sie verweichlichen und sie so für das Leben in der Wildnis und dadurch ihren Erfolg im Leben ruinieren könnte.

Was ist bitte ein erfolgreiches Leben? Erstaunlicherweise ist diese Denkweise nämlich auch in Familien zu beobachten, in denen sich die Väter selbstverständlich und gerne gleichberechtigt oder sogar überwiegend um Haushalt und Nachwuchs kümmern und die Mütter gutes Geld heimbringen. Ich will darüber nicht urteilen, aber es glimmt doch ein Ärger in mir darüber auf, dass auch in den vermeintlich modernsten und emanzipiertesten Menschen noch immer das unausrottbare Vorurteil eingegraben ist, dass Männer das bessere, stärkere, erfolgreichere Geschlecht seien und dass es lebensgefährlich für Buben ist, sich von Mädchen-Denkmustern infizieren zu lassen. Weil man den Sohnemann ja nicht für eine Frauen-, sondern eine Männerwelt fit machen muss, für die man besser schon in der Mittelschule Konkurrenzdenken und Ellbogeneinsatz lernen sollte. Was erstens die intrigatorischen und konkurrenziellen Talente weiblicher Teenager tüchtig unterschätzt. Und zweitens auch weiterhin eins garantiert: dass die Welt bloß nicht zu unmännlich wird.


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