Tiere

Strichjunge

Falters Zoo | aus FALTER 50/11 vom 14.12.2011

Endspurt vor Weihnachten. Da kann man nocheinmal einen Gang zulegen und sich passend zu dieser besinnungslosen Zeit sinnlos aufregen. Ich gehe gerne mit gutem Beispiel voran und reibe mich an wirklichen Obszönitäten: Autokritiken. Als kleiner Tierfreund blättere ich sonst nur verstohlen in Arztpraxen und bei Friseuren in jenen Zeitungen, die ungehemmten "Fahrspaß“ versprühen und im "ordentlichen Sound beim Beschleunigen“ ein Mittel gegen den Klimawandel vermuten. Da gibt es die gestandenen Automobilredakteure, die sich brav an Transaxle-Antrieben, Brembo-Bremsanlagen und Haldex-Kupplungen abarbeiten und von einer Welt ungehemmter Übermotorisierung träumen.

Schlimmer aber noch sind Gastkommentare "echter“ Journalisten, die eine Besprechung eines grundsätzlich eher profanen Fortbewegungsmittels zur schnöseligen Kunst- und Lifestylekritik aufpimpen wollen. Wie zum Beispiel die Textchefin der Zeit, Christine Meffert, die sich an einem Kleinwagen (Daihatsu Charade) abreagiert wie weiland eingebildete Hofratsgattinen am Dienstpersonal.

"Ich würde jetzt viel lieber in der S-Bahn sitzen, in die Gegend stieren, alte Gedanken noch einmal denken - immer noch spannender, als mit diesem Langweiler durch die Stadt zu eiern“, schreibt sie so, als ob sie für ein Glamourmagazin neue Liebhaber testen würde. Aber vielleicht erschließen sich mir nicht die Gemeinsamkeiten zwischen Fortbewegung und Fortpflanzung.

Frau Meffert bleibt bei ihrem Text unter der Gürtelreifenlinie. "Zu meiner Entschuldigung kann ich vielleicht sagen“, schreibt sie, "dass mir dieser Begleiter auch auf einer tieferen Ebene nichts zu sagen hatte. (…) Vielleicht ist ja seine einzige Botschaft: Ich bin billig zu haben.“

Ich bezweifle, dass die Erfindung des Rades tatsächlich eine so ausschließliche ingenieurstechnische Großleistung aus Menschenhand ist, wie es diese Standardmetapher des menschlichen Fortschritts nahelegt. Aus gutem Grund hat keine Tierart biologische "Rollschuhe“ entwickelt. Denn diese müssen sich am Körper ungehindert und frei drehen können, was aber ohne Zerreißen der Muskeln und Nerven nicht möglich ist.

Frau Meffert bekommt von mir zu Weihnachten eine Packung Rädertierchen, marines Zooplankton, von dem 250 Milliliter bereits um 3,99 Euro zu haben sind. Das fährt wirklich ein!

Rädertierchen sind 0,1 bis drei Millimeter lange Tiere mit beweglichen Wimpernkränzen vor dem Mund, dem Räderorgan

Zeichnung: püribauer.com


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