Nachrichten aus dem Inneren

Die Redaktion erklärt sich selbst

Falter & Meinung | Stefan Apfl | aus FALTER 51/11 vom 21.12.2011

Hätte Joseph Gepp heute seinen letzten Arbeitstag, würde er vom nahen, hellen Morgen träumen. Er würde sich ausmalen, wie er in Indien bald Kühe grüßen, in Norwegen über Permafrostböden spazieren, in Portugal zu Fado summen würde. Da sein ist okay, aber weg sein ist okayer, würde er sagen, und wir gingen auf ein letztes Montagabendbier.

Aber spätestens im Ganges watend würde vor seinem geistigen Auge Barbara Blahas Blick milder Gnadenlosigkeit auftauchen, den sie immer dann aufsetzte, wenn ein Delinquent um Abgabefristverlängerung flehte. Vor seinem geistigen Ohr würde das Klimpern von Armin Thurnhers Schlüsselbund erklingen, das stets hörbar war, wenn der Chef seine Redaktion durchschritt. Und vor seiner Nase würde der Geruch von Brandentwicklung aufsteigen, der ihn umwehte, wenn er wegen Schokolade ins Raucherbüro kam.

Erst im Wegsein würde Joseph sich an Isa Grossmanns mütterlichen Satzstellungstadel, an Wolfgang Kraliceks väterlichen Grant erinnern, an Florian Klenks brüderliche Redigatureskapaden und Christopher Wurmdoblers amikalen Urbanavantgardismus; an das "Merhaba!“, mit dem Frau Koc den Arbeitstag einläutete, und das "Freundschaft!“, mit dem Siegmar Schlager ihn beschloss.

Und plötzlich wird ihm all das fehlen, ihm und mir. Denn tatsächlich ist heute unser beider letzter Arbeitstag. So die Kühe, der Permafrostboden und der Fado ihn wieder ziehen lassen, wird Joseph in einem halben Jahr ins zweifellos unveränderte Dasein heimkehren.

Ich hingegen nicht, vorerst. In diesem Sinn: Freundschaft!


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