Enthusiasmuskolumne  

Murmeltier aus Gipsbenzin

Diesmal: das beste Comeback der Welt der Woche

Feuilleton | Tex Rubinowitz | aus FALTER 51/11 vom 21.12.2011

Als Anfang der 80er-Jahre in Deutschland versucht wurde, etwas nachzubauen, was in Großbritannien und Amerika als Postpunk viel aufregendere Blüten trieb, als das konservative Punkmodell ahnen ließ, wurde naturgemäß großteils viel Unheil (Nena) produziert. Es gab aber auch ein paar grandiose, erfrischende Angebote, etwa nihilistische Neohippiehaftigkeit à la Einstürzende Neubauten ("Ich bin das letzte Biest am Himmel“) oder schneidig gebellte Parolen ("Verschwende deine Jugend“) von der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft aus Düsseldorf.

Aus Hamburg kam eine blasierte Bubenband namens Palais Schaumburg, die weißen Funk mit dadaistischen Texten kombinierte, aber auch eine Kinderoper von Paul Hindemith neu interpretierte, die fröhliche Affirmation eines hüftsteifen Deutschland mit gestopfter Trompete.

Vor 30 Jahren haben sie ihre erste, beste und aberwitzigste Platte aufgenommen, kurz darauf verließ der visionäre Sänger Holger Hiller das Gebäude, um an zauberischen Soloplatten zu schnitzen, die kein Mensch kaufte. Während die übrigen Bandmitglieder erfolgreiche Technoproduzenten, "Tatort“-Autoren und Sounddesigner wurden, fristete Hiller ein karges Dasein als Abendschullehrer für Englisch. Nun gibt es Palais Schaumburg wieder, letztes Wochenende gaben sie in Hamburg ein Geheimkonzert im brechend vollen Golden Pudelclub. Das ausgehungerte Publikum kennt jede Zeile, singt vom Murmeltier aus Gipsbenzin und vom grünen Winkelkanu, von Aschenbechern, guter Luft und roten Lichtern im Hafen. Es ist feierlich wie zu Weihnachten, alle sind selig, dem großen schwermütigen Kind Andreas Dorau kullern Glückstränen über die Pausbacken, die Diederichsenbrüder machen die Gogoboys und Lokalbesitzer Rocko Schamoni raunt: "Es raschelt in der Kasse.“

Ende des Jahres folgt in Berlin das erste offizielle Konzert, "für ein Hundevolk“, wie Holger Hiller meint, und dann wird man weiterziehen. Es gibt einen Morgen nach der Abendschule.


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