Kritik

Das Volkstheater und die Gunst der Stunde

Lexikon | Sara Schausberger | aus FALTER 51/11 vom 21.12.2011

Der Anfang ist bewegend: Die Musiker versinken im Orchestergraben, Patrick Lammer stimmt die "Moritat von Mackie Messer“ an, der Vorhang geht auf. Dahinter erscheint das Schauspielerensemble und singt mit. Der Zeitpunkt ist perfekt: Inmitten von Wirtschaftskrise und Occupy Wallstreet isnzeniert Michael Schottenberg "Die Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill, wo Korruption und Kapitalismus vorherrschen. Der Bettlerkönig Jonathan Peachum (Patrick O. Beck) profitiert von den Ärmsten aller Armen und der Verbrecher Mackie Messer (bauchfrei und schleimig: Marcello de Nardo) pflegt beste Beziehungen zum Polizeichef Brown (Thomas Kamper). Zum Schluss wird Brown als berittener königlicher Bote auftauchen und den zum Tod verurteilten Mackie begnadigen, denn "wenn das nötige Geld vorhanden ist, ist das Ende meist gut“. Die Decke der schönen, funktionalen Bühne (Hans Kudlich) wird sich ein letztes Mal öffnen und ein Hubschrauber - eine der wenigen Übersetzungen ins Heute - wird den Begnadigten mitnehmen.

"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“: So derb wie dieser Paradesatz wird die Inszenierung aber leider nie, sogar die Huren, die der Volkstheater-Intendant splitternackt auftreten lässt, kommen supersauber und ästhetisch daher; einzig Maria Bill als Spelunken-Jenny ist mit ihren verschmierten roten Lippen und schwarzumrandeten Augen ins Groteske überschminkt. Mit ihr steht ein großartiges Ensemble - allen voran Katharina Straßer als witzige Polly Peachum - auf der Bühne, das souverän mit Kurt Weills Liedern umgeht und dem durchaus mehr Reibungsflächen zuzutrauen gewesen wäre. Mit seiner unterhaltsamen, aber allzu gefälligen Inszenierung hat Schottenberg die Gunst der Stunde dann doch noch verpasst.

Volkstheater, 28.12., 2.1., 10.1., 19.30


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