Theater  Kritik

Matthias Hartmann bittet zu Tisch

Lexikon | aus FALTER 02/12 vom 11.01.2012

Tolstois "Krieg und Frieden“ …

… im Kasino des Burgtheaters

Wozu einen Roman auf die Bühne bringen, wenn er dort nur als Fragment bestehen kann? Zu Beginn ist Matthias Hartmanns Inszenierung von Leo Tolstois Roman "Krieg und Frieden“ überfordernd, ein Gestrüpp aus Handlungssträngen und Personenmobiliar, das sich nach und nach lichtet und ein Stück Weltliteratur zu Tage bringt.

"Nichts war so, wie ich mir eine Schlacht jemals vorgestellt hatte.“ Hartmann bringt die Schlacht puristisch und eindrucksvoll auf die Bühne (Johannes Schütz). Es ist erstaunlich, wie wenig es braucht, um die Geschichten des russischen Hochadels zu erzählen, der heiratet, liebt, auf Bällen tanzt, sich fast zu Tode säuft, sich prügelt und in Napoleons Schlachten kämpft. Der Krieg kommt in Form von Geräuschen in Hartmanns Theaterfassung, die nach eineinhalb Jahren (!) "öffentlicher Proben“ nun endlich ihre endgültige Form angenommen hat. Stühle klappern, auf den Boden gestoßene Stöcke geben den Marschtakt an, Tische werden aneinander geschlagen und umgeworfen. Gespielt wird an einem endlos langen Tisch, der, wie auch die Kostüme, in Grautönen gehalten ist. In kürzester Zeit wird aus der langen Festtafel ein Schlachtfeld, das zuerst im Nebel und später im Schnee verschwindet. Mithilfe von Lichteffekten, Videoprojektionen und der märchenhaften Musik von Wolfgang Schlögl und Karsten Riedel kann dieser Tisch alles sein: Ballsaal, Anwesen, Opernloge, Kriegsschlachtfeld.

Rund um den Tisch schlüpft das großartige Ensemble (Sabine Haupt, Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Adina Vetter u.a.) in die unüberschaubar vielen Rollen. Vor allem aber ist es der Textfassung von Dramaturgin Amely Joana Haag geschuldet, dass "Krieg und Frieden“ auf der Bühne einen Sog entwickelt, der über viereinhalb Stunden lang nicht nachlassen will.

Sara Schausberger

Burgtheater-Kasino, Sa, Mo 18.30


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