Ausstellung  Kritik

Höllische Phosphornekrose, himmlischer Touchscreen

Lexikon | aus FALTER 02/12 vom 11.01.2012

Die Grenzen zwischen Himmel und Hölle verfließen, wenn es um Arbeit geht. Die Kuratoren der Ausstellung "In Arbeit“ (Projektleitung: Bernadette Decristoforo) veranschaulichen diese These durch zwei Ansichten. Der Besucher blickt auf Paradiesszenen mit friedlich grasenden Tieren. Unterhalb dieses Sinnbilds der Mühelosigkeit taucht ein Stahlofen auf, der an die Schrecken industrieller Arbeit erinnert. Die Schau ist in mehrere Kapitel gegliedert. Die erste Station mit dem Titel "hand.zeug“ ist den sensorischen Fähigkeiten der Hände gewidmet. Das Greifen, Halten, Drücken, Schwingen und Sägen wird durch Objekte dargestellt, die im Zeitalter der Touchscreens teilweise nur mehr im Museum zu finden sind, etwa das Cutterinnenmesser, die Schreibmaschine und das Sauschneidermesser. Im Laufe eines Jahrhunderts füllten sich die Museumsdepots mit allerhand kuriosen Instrumenten.

Das Kapitel "rang.ordnung“ reflektiert die immaterielle Dimension der Arbeit. "Was machen Sie beruflich?“ fragt, wer den gesellschaftlichen Rang seinen Gegenübers in Erfahrung bringen möchte. In Hörstationen berichten Personen davon, wie Arbeit und Arbeitslosigkeit ihr Leben veränderten. Ein weiteres Kapitel ist den vielfältigen Gefährdungen durch Arbeit gewidmet. Die Staublungen oder durch Phosphornekrose zerstörten Kieferknochen der Fabriksproduktion sind verschwunden; an ihre Stelle traten Mobbing und der Stress von Teilzeitbeschäftigungen. Die Figur des Schutzheiligen "San Precario“, eine Schöpfung italienischer Aktivisten, verweist auf den fortwährenden Kampf um mehr Himmel und weniger Hölle. Die Ausstellung verknüpft ideen- und medienreich die vielen Aspekte des Themas miteinander. Ein eigener Kinderbereich führt in Form einer Mitmachausstellung Arbeit und Spiel zusammen. Matthias Dusini

Technisches Museum Wien, bis 2014


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