Architektur  Kritik

Der Spurenleser im Palast der Winde

Lexikon | aus FALTER 02/12 vom 11.01.2012

Im Architekturzentrum Wien fühlen sich die Eremiten des Bauens wie zu Hause. Nach dem russischen Einsiedler Alexander Brodsky ist nun der australische Architekt Glenn Murcutt zu Gast, dessen Grundlagenforschung in Sachen ökologisches und ortsbezogenes Bauen 2002 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde. Die wenigen realisierten Gebäude werden in der von der Architecture Foundation Australia konzipierten Schau mittels Ausführungsplänen und Fotografien vorgestellt. Die Zeichnungen zeigen Murcutt als Architekten, der bewusst auf computergestützte Entwurfsmöglichkeiten verzichtet und sich den Eigenheiten einer Landschaft Strich für Strich annähert. Die Häuser stehen in Tropengegenden auf Stelzen, senken sich in heißen und trockenen Gegenden in die kühlende Erde hinein. "Ich arbeite allein, weil ich die Stille liebe und die Zeit zum Nachdenken“, sagt Murcutt. Außerdem trägt er als Einmannunternehmen keine Verantwortung für Mitarbeiter, kann reisen und Lehraufträge an Universitäten übernehmen.

Auch kulturelle Überlegungen fließen in die Raumplanungen des Architekten, der in Papua-Neuguinea von Ureinwohnern aufgezogen wurde, ein. Das Marika-Alderton-Haus entwarf Murcutt für eine Aborigine-Künstlerin und berücksichtigte dabei das Brauchtum der indigenen Bevölkerung. Die Eltern sind auf der Westseite untergebracht, die Kinder schlafen östlich von ihnen, dort, wo die Sonne aufgeht und somit die Zukunft liegt. Außerdem ermöglicht jedes Fenster einen Blick auf die Umgebung, sodass man sehen kann, ob sich der Postbote oder ein Architekturfan nähert. Typisch Murcutt ist auch der Einsatz lokaler Materialien wie Holz und Tonerde. Aufträge für Großprojekte wollte der Baukünstler, der dem Wachsen des Grases und dem Pfeifen des Windes lauscht, nicht übernehmen. MD

Architekturzentrum Wien, bis 13.2.


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