Film  Neu im Kino

Fincher verfilmt Stieg Larsson: "Verblendung“

Lexikon | aus FALTER 02/12 vom 11.01.2012

Nur ganz selten blitzen sie auf, jene für David Fincher typischen Augenblicke, mit denen sich der Starregisseur in die jüngere US-Kinogeschichte eingeschrieben hat: Wieder einmal in der grafischen Gestaltung des Vorspanns, wenn Körper und Flüssigkeiten den Filmtitel vorwegnehmend verschmelzen; oder wenn der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist die Fotos der Industriellenfamilie, in deren Reihe er einen Mörder sucht, wie an die Wand geheftete Schmetterlinge der Schaulust der Kamera aussetzt.

"Verblendung“ (OT: "The Girl with the Dragon Tattoo“) heißt Finchers Neuadaption von Stieg Larssons erstem Teil der Bestsellertrilogie "Millennium“, die erst unlängst als mehrstündige europäische Koproduktion verfilmt wurde. Man ahnt, was Fincher, der sich schon in "Se7en“ und "Zodiac“ mehr für die investigative Verbissenheit interessiert hat als für die Lösung eines Kriminalfalls, an diesem Mainstreamstoff gereizt hat: die Verbissenheit eines scheinbar vernichteten Ermittlers, die Unkontrollierbarkeit seiner unangepassten Kollegin (Rooney Mara).

Doch was diesem Film erstaunlicherweise fehlt, ist ein visuelles Konzept und ein Drehbuch, das der populären Vorlage eine Tiefe abgewinnen würde. Paradoxerweise liegt die Ursache dafür - zum ersten Mal - an Finchers bekannt technokratischer Präzision: Obwohl oder gerade weil die Erzählung auf schwedischem Boden bleibt, verlieren die Figuren an Haftung und bleiben Fincher als paradigmatischem US-Regisseur die politischen und ideologischen Hintergründigkeiten merklich fremd. Und er übersieht, dass es im Grunde schon bei Larsson nicht um die Suche nach einer Verschwundenen ging, sondern um die Verbindung von Faschismus, Industrie und männlicher Gewalt. Auf weitere von Fincher inszenierte "Millennium“-Teile wird man vermutlich länger oder vergeblich warten. MP

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis, Burg und Haydn)


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