Film  Neu im Kino

Unwirtlich und unwirklich: Berliner "Nachtschichten“

Lexikon | aus FALTER 02/12 vom 11.01.2012

Es dauert, bis sich aus dem Halbdunkel eine Situation schält: Ein Jäger lauert im Wald, seine Augen fixieren die mögliche Beute. So beginnt "Nachtschichten“, ein Dokumentarfilm über Berlin bei Nacht, der damit en passant seine dramaturgischen Koordinaten etabliert: Dem Schutz der Dunkelheit steht der Wunsch gegenüber, zu erkennen und festzuhalten.

Das Motiv der Jagd führt der Film gleich fort, wenn er zuerst Sprayer begleitet, dann Polizisten, die im Hubschrauber nach solchen Ausschau halten. "Nachtschichten“ unterscheidet zwischen denjenigen, die sich in der Nacht eingerichtet haben, und denjenigen, die sie durchleuchten wollen. Die Nachtwächterin Ines, nicht nur deshalb Zentralfigur des Films, ist beides: Bei Diebstahlsfällen ermittelt sie mit Eifer, in der allnächtlichen Einsamkeit fühlt sie sich aber selbst geborgen.

Ivette Löcker, die bereits an Arbeiten etwa von Nikolaus Geyrhalter oder Gerhard Friedl mitgewirkt hat, ist ein unangestrengt schöner Film gelungen. Trotz der weiten thematischen Klammer wirkt die Auswahl an Protagonisten nicht beliebig, und trotz deren erklecklicher Anzahl widmet sich der Film ihnen mit ruhiger Anteilnahme.

Innerhalb von sechs Wochen im Winter gedreht, gewinnt "Nachtschichten“ seine Poesie aus der Spezifik des Beobachteten. Ob auf einem Hausdach mit knirschendem Neuschnee oder auf Quartiersuche mit einem Obdachlosen, fängt der Film das (konkret) Unwirtliche wie das (zeitentrückt) Unwirkliche der Winternächte ein. Von sozialen Schichtungen und der Routine der Schichtarbeit handelt er dabei ebenso wie von jener magischen Schicht, die sich nachts über Alltägliches legt.

Joachim Schätz

Ab Fr in den Kinos


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