Alexander Sokurows "Faust“: Seelenfang mit polyphonem Wimmern, Stöhnen und Raunen

Feuilleton | Filmkritik: Michael Pekler | aus FALTER 02/12 vom 11.01.2012

Das Leben hat an Wert verloren, vom Tod ganz zu schweigen.“ Über den Tod selbst wird aber nicht geschwiegen, und auch wenn er nichts mehr wert sein mag, so ist er in diesem Film gewiss nicht umsonst.

Faust sucht nach der Seele des Menschen und kramt in den Eingeweiden einer verwesenden Leiche. In dem von Ratten verseuchten mittelalterlichen Städtchen ist alles in Bewegung: Die Menschen feilschen, betrügen und huschen durch die verwinkelten Straßen, und selbst das Rückgrat wird ihnen auf der Streckbank des Kurpfuschers in die Länge gezogen.

Auch Faust ist ein Getriebener, der irgendwann dem Werben des Teufels, hier in der Gestalt eines Wucherers, nachgibt. Zu Gretchen im Bade steigt er unzählige Stufen in die Tiefe, wo auch Mephisto sein Schmierenkostüm ablegt und seinen monströsen, geschlechtslosen Körper mit dem Ringelschwänzchen zur Schau stellt.

Mit dieser "Faust“-Adaption wird der Russe Alexander Sokurow seinem Ruf als Regieexzentriker auf allen Ebenen gerecht. Mit ausgeklügelten Spiegelungen und optischen Tricks sowie mit einem famosen Tonschnitt, der Wortfetzen von Nebenfiguren mit Fausts Erzählerstimme Gefechte austragen lässt, begleitet von einem polyphonen Wimmern und Stöhnen und Raunen. Gedreht in deutscher Sprache, liefern sich Johannes Zeiler und Anton Adassinsky weniger ein Duell als einen Paarlauf, bei dem der Körper des einen ständig auf die Wünsche und Begehrlichkeiten des anderen reagiert. Aber wohin führt das, außer zum Goldenen Löwen von Venedig?

Zu einem Film, der von der Suche nach Erkenntnis erzählen will, während Bild und Ton die Hinfälligkeit und Vergeblichkeit derselben suggerieren. Zu einem Film, der sich von Volksbuch oder Goethe beeinflusst zeigt und sich gleichzeitig imponierend vom literarischen Ballast des Stoffes zu befreien weiß.

Ab 13.1. im Filmcasino


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