Selbstversuch

Du wirst schon sehen, wo dich das hinbringt

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 02/12 vom 11.01.2012

History repeating, ich warte auf den Installateur. Jedes Jahr einmal muss man unsere Abflüsse entstopfen. Und jedes Jahr einmal müssen wir unsere Wohnung entrümpeln. Vor der Wohnungstür stapeln sich kaputte Plastikkisten, erodierendes Spielzeug, halb zersetzte Teppiche, von den circa zwei Tonnen Papier mal gar nicht zu sprechen. Warum ist das so? Und warum ist das nur bei uns so? Andere Leute finden auch nicht in ihrer Handtasche überraschend den zerknüllten Abholschein eines Packerls, das bereits vor einem Monat wieder zurückgeschickt wurde, oder den Schlüssel von Vaters Fahrrad, mit dem man während eines Elternbesuches im Sommer des vorvorletzten Jahres einmal an die Baggerlöcher radelte und den man, wie man dem Vater Minimum acht Mal schwor, fix wieder in die Schlüsselschublade zurückgelegt hatte.

Es lässt sich übrigens vielleicht ein Zusammenhang herstellen zwischen dem aktuellen Entrümpelungszwang und dem vorangegangenen zehntägigen Besuch bei der Herkunftsfamilie, von dem man, wie immer, zum Kind regrediert in den Zug nach Hause stieg. Um sich während der Zugfahrt allmählich wieder in eine Frau post 40 zurückzuverwandeln, die vollkommen glücklich in die eigene Wohnung heimkehrte, um dort wieder erwachsen und selbstbestimmt zu sein. Egal, wie alt man ist, egal, wie jung und tolerant die Eltern, nach zehn Tagen in ihrem Haus ist man unweigerlich wieder eine pummelige 15-Jährige, die schon noch sehen wird, wohin ihre Ansichten sie im Leben bringen werden.

Hierher, danke! Wo es sich erstaunlicherweise weitgehend prima lebt, jetzt einmal abgesehen von den verstopften Rohren, an denen zwei Installateure mittlerweile herumwerkeln. Der Lange beaufsichtigt die Arbeiten und lässt mich zwischendurch mit interessanten Fragen an deren Progression teilhaben: Haben wir irgendwo einen Kübel? Stell dir vor, das haben wir, aber das kannst du nicht wissen, du wohnst ja erst seit acht Jahren hier. Der Lange ist auch in seiner eigenen Wohnung gern hin und wieder Kind: okay mit mir, weil er dafür nachher den ganzen Mist wegfährt, den ich als Reaktion auf meine alljährliche Zwangsrejuvenilisierung daraus entferne. Entfernen muss. Das ist wohl etwas Psychologisches, eine Art Reinigungsprozess, ein Entschlacken und Freilegen des eigenen, selbstgewählten Lebensentwurfs, dessen Vorzüge einem jäh wieder bewusst geworden sind. Alles muss raus, ich will die Schönheit der Konstruktion sehen.

Davon haben übrigens auch die Mimis profitiert, die bekamen ihr längst zu babyisches Spielzimmer entrümpelt und neu eingerichtet. Nach zwei Tagen Schufterei besahen wir stolz unser Werk, und mir wurde schlagartig klar, dass ich den Mimis ziemlich genau das Arbeitszimmer eingerichtet hatte, das ich selbst gerne hätte. Irgendwann werden auch sie die Folgen der Daseinsdefizite ihrer Mutter abschütteln müssen; aber noch passt’s.


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