Moderne Orakel: die intransparente Macht der Ratingagenturen

Politik | aus FALTER 03/12 vom 18.01.2012

:: Warum haben die Niederlande ihren Triple-A-Status bei der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) nicht verloren, Österreich aber schon? Die beiden Kleinstaaten galten bislang vielen Experten als zwei vergleichbare Volkswirtschaften, weil sie ihren Weg im Windschatten des mächtigen Nachbarn Deutschland machten und das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner beider Länder von vergleichbarer Höhe ist.

Warum also Österreich? Eine Antwort darauf muss lauten: Ungarn und Italien. Die zwei Krisenstaaten, denen eine Rezession oder gar eine Staatspleite droht, sind mit der heimischen Wirtschaft eng verflochten. Das größte Geldinstitut in Österreich, die Bank Austria, gehört zur italienischen UniCredit und österreichische Banken und Versicherungen haben hohe zweistellige Milliardenbeträge in Ungarn investiert.

Trotz dieser nachteiligen Verflechtung bleiben nach der "Ratingattacke“ von S&P viele offene Fragen. Als Hauptgrund für die Degradierung nannte die Agentur, dass Österreich in die "Schwierigkeiten des Euroraums eng eingebunden“ sei. SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann und Nationalbank-Chef Ewald Nowotny zeigten "Unverständnis“ für die Herabstufung. Nowotny sagte, S&P sei "sehr viel aggressiver und sehr viel politischer“ als die Konkurrenten Moodys und Fitch.

Tatsächlich konnten die Betreiber aller drei Ratingagenturen bis heute nicht belegen, dass ihre Benotungsverfahren transparent sind. Die demokratisch nicht legitimierten Unternehmen lassen über ihr konkretes Geschäftsgebaren Geheimhaltung walten, während sie mit ihren Entscheidungen handstreichartig Staaten in den Abgrund reißen können.

Langfristig stellt sich für die Politik aufgrund dieses Verhaltens, das an das Treiben altertümlicher Orakel gemahnt, nicht die Frage, ob die Entscheidungen der Agenturen im Einzelnen nachvollziehbar sind, sondern die EU muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, dass die Macht kleiner Unternehmen ausreicht, riesige Volkswirtschaften zu bedrohen.

Wolfgang Zwander


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