Wieder gelesen  Bücher, entstaubt

Die Kälte der Macht

Politik | aus FALTER 03/12 vom 18.01.2012

Um den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff ist es sehr einsam geworden. War er noch vor wenigen Wochen ein Liebkind der deutschen Medienöffentlichkeit, das mit glücklicher Patchworkfamilie im Schloss Bellevue hauste, so schneiden ihn heute sogar seine Parteifreunde. Vor allem auffällig günstig erhaltene Kredite in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident und Interventionsversuche bei der Bild-Zeitung lassen Wulff nun spüren, was schon immer Teil der Politik war: die Kälte der Macht.

In Manfred Zachs Roman "Monrepos“, der auf einer wahren Geschichte beruht, ist der Ministerpräsident von Baden-Württemberg ein politischer Star und Überflieger, den die Medien bereits als neuen Kanzler sehen. Die Romanfigur Oskar Specht (vulgo sein realer Konterpart, der Ex-CDU-Ministerpräsident Lothar Späth) gleitet mit dieser Aussicht auf Ruhm und Karriere ab in eine Scheinwelt, in der das ganze Leben, vor allem der private Teil, nur noch als Fassade bloßer Machterhaltung dient. Die Politik frisst hier, gleich wie in Wulffs Fall, ihre eigenen gierigen Kinder.

Die Zeitschrift Spiegel schrieb über das Werk, das in Deutschland seit seinem Erscheinen als Kultbuch und Insiderbericht über die Schattenseiten der Macht gilt, folgende Zeilen: Der Autor beschreibe "eine kleinbürgerliche Elite der Bundesrepublik, die sich Gelassenheit, Großzügigkeit und Vornehmheit nicht leisten, sondern ihr Überleben nur durch das Belohnen von Loyalität und das Bestrafen von abweichendem Verhalten sichern kann“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wolfgang Zwander

Manfred Zach: Monrepos. Klöpfer & Meyer, 1997, 495 S., € 15,40


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