Film  Neu im Kino

Oscarreif in der Krise: "The Descendants“

Lexikon | aus FALTER 04/12 vom 25.01.2012

Dass an diesem Ort vieles nicht so ist, wie es scheint, ist eine sichere Prämisse. Bereits zu Beginn spricht der Rechtsanwalt Matt King über seine Heimatinsel Hawaii aus der Perspektive des misanthropischen Besserwissers: Man solle den Leuten mit ihren lustig aussehenden Hemden und Shorts bloß nicht trauen, und überhaupt: "Paradise can go fuck itself.“

Dass hier einer lästert, der nicht zuletzt daran scheitert, sich von den anderen zu unterscheiden, macht King vorderhand zu einem typischen Helden von Alexander Payne, der schon in "About Schmidt“ und "Sideways“ seinen von Krisen geschüttelten männlichen Protagonisten den Boden unter den Füßen wegzog. Obwohl Payne seit sieben Jahren keinen Film gedreht hat, trifft er mit "The Descendants“ ein von Unsicherheit bestimmtes Zeitgefühl, nur dass aus den Mittelklasseverlierern ein reicher Anwalt geworden ist, dessen trügerische Welt gerade zerstört wurde: Seine nach einem Unfall im Koma liegende Frau hat ihn, wie er erst jetzt erfährt, betrogen, die beiden von ihm entfremdeten Töchter zeigen sich pubertär rebellisch, und der gewinnsüchtige Familienclan drängt ihn zum Verkauf des letzten unberührten Fleckens auf der Insel. Eine zweifache Getriebenheit, die sich nicht nur in der gemeinsamen Suche des Vaters und der Kinder nach dem Liebhaber manifestiert, sondern auch im Hineinwachsen in ungewohnte Rollen.

Das zeitigt grandiose Szenen, in denen die Erzählung stillzustehen scheint und die für Payne charakteristischen, tragikomischen Zwischentöne anklingen; führt aber auch zurück in ein neues Idyll, das im Grunde ebenso falsch ist wie jenes zu Beginn. Und so könnte es eine einzige Träne sein, die George Clooney seinen ersten Oscar als Hauptdarsteller einbringen wird. Aber auf die lachende Garbo hat man ja auch lange warten müssen. MICHAEL PEKLER

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino, OF im Burg)


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