Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Blind Date der Welt der Woche

Avantgardegeschichte, lässig vermittelt

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 04/12 vom 25.01.2012

Das Blind Date gehört zum fixen Repertoire vieler Musikmagazine. Prominente - in der Regel Musiker - bekommen Lieder vorgespielt, die sie erraten und zu denen sie Geschichten erzählen sollen.

Auch das deutsche Popmagazin Spex hat so eine Rubrik. Unter dem Titel "Vorspiel“ zielt sie aber nicht auf die schnoddrige Bemerkung oder die kurze Anekdote ab, vielmehr geht es anhand weniger ausgewählter Stücke darum, möglichst viel zu erfahren - sowohl über die Musik als auch über das Gegenüber.

Kaum je war das Vorspiel so gelungen wie in der aktuellen Ausgabe. Mit lässiger Abgeklärtheit spricht die Kölner Künstlerin Mary Baumeister da so klug wie interessant über ihre Kindheit im Nachkriegsdeutschland, ihre Ehe mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen, über die Fluxus-Bewegung, die Krautrockband Can und Al Hansen, den Künstlergroßvater des Popstars Beck.

Baumeister erzählt, wie sie Christo einst bei seiner ersten Verpackungsausstellung in Köln behilflich war ("Damals hat ein psychotischer, aber sehr ideenreicher Maler gesagt: Packt doch mal den Reichstag ein“), und wie der Komponist Nam June Paik dem großen John Cage bei einem Auftritt in Baumeisters Atelier die Krawatte abgeschnitten hat.

Vor dem Konzert habe man bei einer Probe die Fenster verdunkelt und ausprobiert, wie laut man Nam June Paiks Musik, die lediglich aus aneinandergestückelten Tonbandschnipseln bestand, spielen könne: "Die Nachbarn dachten, wir schlachten Schweine und holten die Polizei. Da stand ich, langes Gestell mit weißen Zöpfen, und sagte: ‚Wir haben nur geübt.‘ Neben mir der kleine Koreaner. Und die Polizei suchte hinter uns nach abgestochenen Schweinen.“ So unterhaltsam kann Avantgardegeschichte sein!


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