Stadtrand Urbanismuskolumne

Die Nacht der Lindenmörderin

Stadtleben | aus FALTER 04/12 vom 25.01.2012

Seit Jahren beobachtet der Autor eine Pappel, die im Wind wankt wie ein steifer Diener beim Bückling. Sie biegt sich nach rechts, dann nach links. Irgendwann wird sie das Gleichgewicht verlieren und A) auf die parkenden Autos der Leopoldstädter Gasse stürzen, B) einen Fußgänger unter sich begraben, vielleicht sogar den melancholisch gestimmten Autor, C) mitten in der Nacht in dessen Küchenfenster brechen. Es sollte anders kommen.

Eine Kaltfront wurde in diesem merkwürdigen Winter wieder einmal von lauen Winden verdrängt, da zog ein Sturm auf. Mitten in der Nacht machte die Pappel einen Bückling und … die benachbarte Linde, ein mächtiger Baum mit weit ausgreifenden Ästen, stürzte um. Riss Bambusstauden und den Parkzaun mit sich. Die Pappel dagegen stand da, still und unbeteiligt, als hätte sie gerade eben erst den Schauplatz betreten. Als hätte sie nicht schon seit Jahren ihre Wurzeln in die Scholle der Linde gekrallt, ihr so langsam den Boden unter den Füßen wegziehend. Zum Glück blieben Menschen und Autos heil. Als die Pappel zum tödlichen Stoß ausholte.


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